Jannik Veenhuis spricht in der VHS Nienburg über Salafismus und Islamfeindlichkeit

Wie Trump und die AfD dem IS zum Erfolg verhelfen

Bilder, die den IS freuen dürften: Demonstranten zeigen, was sie vom muslimischen Glauben halten. - Foto: Imago

Nienburg - Was hat Napoleon mit dem Salafismus zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Und doch sehr viel. Als der General 1798 in der Schlacht bei den Pyramiden das osmanisch-ägyptische Heer zusammen mit einer Mameluken-Eliteeinheit vernichtend schlug, versetzte das der muslimischen Welt einen Schock. Sie fragte sich: Wie konnte das passieren? Warum war Gott nicht auf unserer Seite? Wer sind wir? Der Beginn einer Identitätskrise, die bis heute spürbar ist, sagt Jannik Veenhuis.

Denn eines sei den Muslimen klar gewesen: Etwas muss sich ändern, wenn man gegenüber dem Westen mit seinen mächtigen Waffen bestehen will. Was tun? Wie der Westen werden und sich von seinem Glauben abwenden? Sich dem Westen teilweise öffnen, um von ihm zu lernen oder sich ihm verschließen? Aber wie viel Westen darf man übernehmen, ohne seine Identität aufzugeben? Wie kann man sich an die neue Welt anpassen, ohne das zu verlieren, was einen ausmacht?

Mit seinem Vortrag über Islam, Salafismus und Islamfeindlichkeit schafft es Veenhuis nicht nur, innerhalb von zwei Stunden Informationen, Daten und Zahlen seinen 16 Zuhörern in der Volkshochschule Nienburg zu vermitteln. Der Referent des Landespräventionsrates lässt auch Psychologie mit einfließen und hilft den Gästen dadurch, bestimmte Ereignisse in der Geschichte aus einem anderen Blickwinkel zu sehen: aus dem der Muslime. Ein roter Faden, der sich von der Geburt des Islam 622, bis in die heutige Zeit spannt und zeigt, wie alles aufeinander aufbaut, wo bestimmte Vorurteile und Sichtweisen herkommen. Das ist sehr viel Input, manchmal anstrengend – aber nie langweilig.

Nach der Schlacht in Ägypten sei der Wunsch aufgekommen, den Islam zur Staatsform und damit wehrfähig zu machen: die Geburtsstunde des Salafismus. „,Salaf’ bedeutet ,die Altvorderen’ – damit sind die drei Generationen nach Mohammed gemeint“, erläutert Veenhuis. Das sei ein goldenes Zeitalter gewesen, in dem der Islam Europa in Kultur und Wissenschaft überlegen war. Dorthin wollte man zurückkehren. Muslime seien nach Frankreich gereist, um vom Gegner zu lernen, und seien entsetzt gewesen über die „sittenlosen Zustände“ in dem Land, in dem Kapitalismus die Werte abgelöst habe. „Europa herrscht über das Materielle, wir über das Spirituelle“, schreibt ein Imam.

„Salafismus ist eine Suche nach Identität. Und die funktioniert am einfachsten über Abgrenzung. Ich weiß vielleicht nicht, wer ich bin, aber zumindest, wer ich nicht bin. Sie halten umso stärker am Islam fest, weil das das einzige ist, was wirklich ihnen gehört“, erklärt Veenhuis. Von Gewalt und Morden, die das Vorgehen des sogenannten Islamischen Staates (IS) prägen, sei da noch gar nicht die Rede. Den Glauben als Legitimation für diese Taten zu benutzen, funktioniere nur bedingt. Zwar stünde im Koran, „Und tötet sie (die Ungläubigen), wo immer ihr auf sie trefft“, doch nur drei Seiten davor heiße es: „Wer einen Menschen tötet, tötet die Menschheit“.

Veenhuis macht deutlich, wie schwer es ist „den Islam“ klar zu definieren, denn es gebe verschiedene Strömungen, vieles sei Auslegungssache. „Wie in der Bibel“, meint eine Frau. „Da steht im Alten Testament: ,Auge um Auge’ und im Neuen: ,Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, halte auch die linke hin’.“

Der Referent aus Hamburg hat schon viele Vorträge gehalten, unter anderem vor Polizisten, die bisweilen sehr kritisch eingestellt gewesen seien. In Nienburg trifft er auf ein offenes, interessiertes Publikum, das teilweise schon über Vorwissen verfügt und Fragen stellt, vor allem zum Koran.

Große Betroffenheit erntet Veenhuis, als er ein Schreiben eines Anführers des IS vorliest, in dem dieser die „Heuchelei des Westens“ thematisiert, die in seinen Augen Tradition hat. Der Westen habe Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle gefordert und die Menschenrechte niedergeschrieben – und gleichzeitig munter Kolonien ausgebeutet und die Menschen dort unterdrückt. Selbst heute würde der Westen den Kapitalismus und Wohlstand über seine Werte stellen, mit Ländern Geschäfte machen, in denen Menschenrechte verletzt werden.

Eindringlich legt Veenhuis auch die Strategie des IS offen, die vor allem Spaltung zum Ziel hat. „Der IS greift die Schiiten an, in der Hoffnung, dass die aus Rache Sunniten angreifen und die sich daraufhin dem IS anschließen.“ Das gleiche versuchten sie in Europa. „Sie töten Europäer, weil sie wollen, dass die wiederum Muslime attackieren und diese danach dem IS folgen.“ Aus diesem Grund täte US-Präsident Donald Trump dem IS mit seiner Einreisepolitik gerade einen großen Gefallen, ebenso wie die AfD mit ihrem Satz: „Der Islam gehört nicht zu Europa.“

„Das beste, was man nach einem Terroranschlag tun kann, ist, zu seinen muslimischen Nachbarn zu gehen und einen Tee zu trinken“, sagt Veenhuis. Ganz nach dem Motto: Unseren Hass bekommt ihr nicht. „Eine riesen Aufgabe für Schulen und Eltern“, meint eine Frau.

Mit anerkennendem Klopfen danken die Gäste dem Referenten zum Abschluss.

Von Julia Kreykenbohm

Quelle: kreiszeitung.de

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