Unser Autor Philipp Schockenhoff probiert Voltigieren im Selbstversuch aus / Philosophie auf dem Pferderücken

Cowboy in Not: Wie komme ich da bloß rauf?

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Gemütlich schaukelt Philipp Schockenhoff durch die Halle.

Bücken/Wietzen - Von Philipp Schockenhoff. Ich hatte vergessen, wie riesig sie sind. Die großen, dunklen Augen schauen desinteressiert in der Gegend herum. Langsam nähere ich mich. Das Pferd schnaubt verächtlich. Seine Schultern reichen mir bis zum Kopf. Meine Güte, ist das groß! Auf diesem Ungetüm soll ich also voltigieren. Aber wie soll ich da überhaupt raufkommen?

„Ich helfe Ihnen“, ertönt hinter mir eine freundliche Stimme. „Es gibt keine Steigbügel“, bemerke ich, dann steht Voltigier-Trainerin Christina Bock schon neben mir. „Kein Problem“, sagt sie. „Ich nehme Ihr Bein, Sie halten sich fest, nehmen etwas Schwung und ich hebe Sie dann rauf.“ Einen Augenblick später sitze ich auf dem Wallach Savoy. Ich rutsche auf der Decke ein bisschen nach vorne und greife nur zu gerne nach den Haltegriffen des Voltigiergurts.

Im Zuge der Ferienkiste bietet die Reitgemeinschaft Bücken-Wietzen in der Reithalle Osterberg einen Schnupperkurs im Voltigieren an. Und so stehe ich mit 30 Kindern, bei denen auch ein paar Jungen dabei sind, in der Reithalle. Manche von ihnen tragen Reithosen, haben Reitkappen oder Stiefel dabei. Ich habe Turnschuhe an.

Zunächst werden Gruppen gebildet und auf verschiedene Stationen verteilt. Einige putzen Ponys, einige üben Voltigierpositionen auf dem Tonnenpferd, einer Pferdeattrappe. Wieder andere reiten auf Savoy. Ich schleiche um die Ponys herum, stets bemüht, keines zu erschrecken, um keinen saftigen Tritt zu kassieren. Vielleicht bin ich ein bisschen übervorsichtig. Die Jungen und Mädchen stehen entspannt bei den Pferden, striegeln sie und üben ein bisschen Pferdetheorie mit den Älteren, die sie beaufsichtigen. Ich schaue ein paar Sekunden einem Pony fasziniert dabei zu, wie es das Metall seiner Stalltür ableckt, während es geputzt und vorbereitet wird. Entweder, das macht ihm einfach Spaß, oder es ist ein sehr reinliches Pony.

Auf das Tonnenpferd steige ich nicht, höre aber zu, wie man einen Prinzensitz macht, bei dem der Reiter freihändig auf dem Pferd kniet. Als ich zu Savoy blicke, schwöre ich mir aber, so etwas auf ihm keinesfalls zu versuchen. Obwohl die Kinder im Verhältnis zu ihrer Körpergröße viel tiefer als ich fallen würden, scheinen sie keine Angst zu haben. Sie lassen die Arme kreisen, knien sich auf Savoys Rücken und machen das sogar im Galopp. Alles während Christina Bock ihn im Kreis an der Leine führt und Anweisungen gibt. Sie erklärt, wie sich die Kinder einem Pferd nähern sollen. „Immer einen großen Bogen um den Pferdepo machen“, sagt sie. Savoy nimmt den ganzen Trubel mit entspannter Gelassenheit hin. Ein einziges Mal erwidert er das Wiehern eines Pferds von draußen. Den Rest der Zeit schnauft er nur vor sich hin.

Als ich auf seinem Rücken sitze und das Schaukeln spüre, ist das Beste, was ich hinbekomme, freihändig mit ausgestreckten Armen zu reiten. Mehr kriege ich nicht hin. Als Christina Bock fragt, ob ich auch mal galoppieren möchte, schüttle ich vehement den Kopf. Doch, ich vertraue Savoy. Aber man muss es ja nicht übertreiben.

Auch nach dem Absteigen spüre ich noch das Schaukeln von Savoy. Zeit für ein paar philosophische Fragen. Ich frage mich, warum Reiten als Mädchensport gilt. Cowboys, Ritter, sie alle sind geritten und der Inbegriff der Männlichkeit. Außerdem sind Pferde schöne Tiere. Ralph Ohlmeyer, selbst Reiter, erklärt mir, dass es in den höheren Altersklassen im Vergleich zu den niederen wieder mehr Männer gibt. Von ihm lerne ich auch, dass beim Voltigieren Jungen und Mädchen nicht getrennt werden und zweigeschlechtliche Teams bilden. Finde ich gut.

Als ich aus der Reithalle gehe, steht plötzlich ein Mädchen neben mir, lächelt und sagt: „Das sah lustig aus, wie du auf dem Pferd gesessen bist.“ Ich weiß nicht recht, ob das ein Kompliment ist. Aber Recht hat es bestimmt.

Quelle: kreiszeitung.de

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