Auf Augenhöhe mit Schuhen und Hunden

Obdachlosigkeit aus ganz neuer Perspektive

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Vanessa Schmidt-Dohrmann möchte obdachlosen Menschen mit ihren Bildern ein Gesicht geben.

Marklohe - von Leif Rullhusen. „Wie wird es wohl sein, die Menschen aus einer anderen Perspektive zu erleben? Wenn wir auf der Erde sitzen und sie von oben auf uns herabschauen? Wie werden sie sich uns gegenüber verhalten?“

Um sich diese Fragen zu beantworten, wagte Vanessa Schmidt-Dohrmann aus Marklohe einen außergewöhnlichen Selbstversuch. Sie lebte einen Tag lang „auf Platte“. Gemeinsam mit einer Freundin verbrachte die 41-Jährige im Dezember einen Tag unter Obdachlosen auf der Straße. In Hamburg lebten die beiden Frauen nur von dem, was in ihrem Becher landete – was sie sich erbettelten. Neben 70 Euro in bar, etwas zu essen und zu trinken, sammelten sie verachtende Blicke, Unverständnis – aber auch Mitgefühl.

"Ich fühle mich wie der letzte Dreck, einfach nur schlecht“

„Aus dieser, für uns neuen Perspektive fallen mir besonders die vielen unterschiedlichen Schuhe der vorbeilaufenden Passanten sowie deren Hunde auf. Noch nie war ich ihnen so nah, fast auf Augenhöhe“, schildert Vanessa Schmidt-Dohrmann. Die beiden Frauen sammeln an diesem Tag höchst unterschiedliche Erfahrungen. „Wir bekommen verachtende Blicke geschenkt. Viele machen einen großen Bogen um uns. Andere schauen einfach nur weg. Ich fühle mich wie der letzte Dreck, einfach nur schlecht“, fasst sie ihre ersten Eindrücke aus dem noblen Blankenese zusammen. Später, in Hamburgs Innenstadt, sammeln sie und ihre Freundin aber auch positive Erfahrungen. „Von einem jungen Pärchen bekommen wir einen Frühstücksbeutel mit einer Banane, einem Apfel und einem frischen Spiegeleibrot geschenkt, der eigentlich für die beiden selber gedacht war“, erzählt sie. Nahrung für die Seele bekommen die beiden ebenfalls. Mit den Worten „Das nächste Jahr wird bestimmt besser“ gibt ihnen eine Frau einen Fünf-Euro-Schein und wünscht ihnen einen Guten Rutsch ins nächste Jahr. Vanessa Schmidt-Dohrmann kämpft gegen die Tränen.

Die Markloherin plant einen Bildband über Obdachlosigkeit.

Ganz alltägliche Schwierigkeiten

Es gibt aber auch ganz alltägliche Schwierigkeiten für Obdachlose, auf die die Markloherin bei ihrem Selbstversuch stößt. Der Versuch, Pfandflaschen zu sammeln, scheitert, weil die Hamburger Mülleimer eine Presse besitzen, die den dort entsorgten Abfall sofort komprimieren. Ebenfalls problematisch ist der Toilettenbesuch. „In den schicken Restaurants werden keine Bettler auf die Toilette gelassen, die Bahnhofstoilette kostet Geld“, berichtet sie. Festgestellt hat sie, wie wichtig eine Isomatte gerade im Winter für Menschen ist, die den ganzen Tag auf dem kalten Pflaster oder Asphalt sitzen. Somit steht die Verwendung des gesammelten Geldes fest. Vanessa Schmidt-Dohrmann wird dafür Isomatten kaufen und diese unter Obdachlosen verteilen. „Oft war mir heute zum Weinen zumute, musste ich mit meinen Tränen kämpfen. Mit so viel Hilfsbereitschaft hatte ich nicht gerechnet“, fasst sie ihre Erlebnisse als Obdachlose zusammen. In vorherigen Gesprächen mit Obdachlosen auf der Straße hatte sie auch schon von anderen Erfahrungen gehört.

Die Idee hat sich nach und nach entwickelt

Entstanden war die Idee zu dem ungewöhnlichen Selbstversuch allmählich. Sie hat sich nach und nach entwickelt. Die gelernte Erzieherin ist aufgrund eines Rückenleidens erwerbsunfähig. Aus diesem Grund musste sie auch ihr Engagement bei der Nienburger Tafel aufgeben. Geblieben ist aber die soziale Ader bei Vanessa Schmidt-Dohrmann. Und mit dem Thema Obdachlosigkeit beschäftigt sich die 41-Jährige schon seit ihrer Kindheit. Vor Kurzem entdeckte sie ihre Begeisterung für die Fotografie. Bei einem Hannover-Besuch kam sie irgendwann ins Gespräch mit Obdachlosen und die losen Enden ihrer Interessen verknüpften sich. Vanessa Schmidt-Dohrmann beginnt, die Obdachlosen, zu denen sie Kontakt hat, zu fotografieren. Gegen Kritik, sie würde Obdachlose zur Schau stellen, wehrt sich die Markloherin vehement. „Mit meinen Bildern möchte ich den obdachlosen Menschen ein Gesicht geben“, betont sie. „Ich möchte sie aus der Anonymität herausholen. Sie sind schließlich Mitglieder unserer Gesellschaft.“ Häufig setzte sie sich zu den Obdachlosen und unterhielt sich mit ihnen. „Nachdem ich immer mehr Menschen auf der Straße kennengelernt habe, entschloss ich mich irgendwann zu dem Selbstversuch“, erzählt sie.

Vanessa Schmidt-Dohrmann plant einen Bildband

Weitere Experimente dieser Art plant die Markloherin nicht. Sie will sich aber ehrenamtlich in diesem Bereich weiter engagieren. Derzeit plant Vanessa Schmidt-Dohrmann einen Bildband, in dem sie die Menschen, die auf der Straße leben, porträtiert – ihnen und ihren Geschichten ein Gesicht gibt.

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