"Fit im Auto"

Sicher hinterm Steuer: Training für Senioren auf Nienburger Festwiese 

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Nienburg - Von Janina Stosch. „Hier muss niemand Angst haben, dass Ihnen der Führerschein abgenommen wird“, stellte Kontaktbeamter Volker Conrad direkt zu Beginn des Verkehrssicherheitstraining für Senioren im Nienburger Naturfreundehaus klar.

Die Aktion „Fit im Auto“, die von Verkehrswacht, Landkreis, Fahrlehrerverband und Polizei rund sechs Mal im Jahr durchgeführt wird, richtet sich speziell an Menschen, die sich auch im fortgeschrittenen Alter mit dem Auto sicher im Straßenverkehr bewegen wollen. So sollen sie ihre Mobilität und Selbstständigkeit bewahren.

Die Beweggründe der Senioren am Training teilzunehmen, sind durchaus unterschiedlich: Diethard Mücke aus Erichshagen hat sich selbst angemeldet. Der 84-Jährige fährt regelmäßig Auto und ist dabei sowohl auf Kurz- als auch auf Langstrecken unterwegs. „Ich wil die Fehler ausmerzen, die sich mit den Jahren und aus Gewohnheit so eingeschlichen haben“, sagt Mücke. Karsten Heusmann dagegen wurde von seiner Tochter auf die Aktion der Verkehrswacht aufmerksam gemacht. „Ich merke, dass ich mich in manchen Situationen im Verkehr einfach nicht mehr so sicher fühle“, gibt der Husumer ehrlich zu.

Erst die Theorie, dann die Praxis 

Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern gebe es in Deutschland noch nicht die Pflicht, seinen Führerschein ab einem gewissen Alter regelmäßig verlängern zu lassen und ärztliche Atteste einzureichen, die die Fahrtauglichkeit bestätigen, erklärt Carsten Windler von der Verkehrswacht. Hierzulande beruhe alles noch auf Freiwilligkeit. Und genau dort knüpft das Verkehrssicherheitstraining an. Die Teilnehmer sollen ohne Stress und ohne Druck und vor allem unter Gleichgesinnten ihr eigenes Können hinterm Steuer praktisch testen und gemeinsam mit Experten hinterfragen.

Die Teilnehmer schätzten ihre gefahrenen Kilometer. 

Los ging es mit einer Selbsteinschätzung. Mit Klebepunkten sollten die Teilnehmer markieren, wie viel Kilometer diese schon mit dem Auto insgesamt zurückgelegt haben, wie viele sie aktuell noch täglich fahren, wie viele Verkehrsunfälle sie bereits hatten und um was für eine Art von Unfall es sich gehandelt hat. „Hätte ich das mal vor 60 Jahren schon gewusst, dann hätte ich mir Notizen gemacht“, scherzte einer der Teilnehmer. Erst die Theorie, dann die Praxis In Deutschland seien rund 50 Millionen Fahrzeuge zugelassen, erklärte Volker Conrad. „Als Sie den Führerschein gemacht haben, war nicht annähernd so viel los auf den Straßen.“ Es gebe ständig Veränderungen und Neuerungen im Verkehr und in den Straßenverkehrsordnungen und die Regeln seien einem ständigen Wechsel unterzogen. „Ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass niemand von Ihnen eine aktuelle Fahrschul-Theorieprüfung bestehen würde.“

Wieder Fahrschüler sein

Wie man eine Rettungsgasse auf der Autobahn bildet und sich im Kreisverkehr und bei Spielstraßen-Ausfahrten zu verhalten hat, beherrschten die Teilnehmer aus dem Effeff. „Der Fahrer im Kreisverkehr hat Vorfahrt“ ruft einer der Teilnehmer sofort in den Raum, als Conrad nach der Vorfahrtsregelung im Kreisverkehr fragte. Dass querende Fußgänger beim Abbiegen Vorrang haben, war ebenfalls nichts neues für die Teilnehmer. Auch wenn einer der Männer scherzhaft vorschlug, Buhaltestellen seien zum zuparken da, war es für viele bisher unbekannt, dass man auch im Gegenverkehr auf Schrittgeschwindigkeit abbremsen muss, wenn man an einem haltenden Bus vorbeifährt.

Volker Conrad geht mit den Teilnehmern theoretische Grundlagen durch. 

Stephan Schröter, Fahrlehrer bei der Liebenauer Fahrschule Patschull betonte, dass dies nicht nur typische Fehler von älteren Verkehrsteilnehmern wären, sondern tatsächlich viele Fahrschüler wegen Fehlverhalten in genau solchen Situationen in ihrer Fahrprüfung durchfallen würden. Nach der kleinen Theorie-Stunde ging es dann an die Praxis. Aufgeteilt in zwei Gruppen setzten sich die Teilnehmer hinters Steuer. Die eine Gruppe setzte sich mit Olaf Patschull und Stephan Schröter in die Fahrschulautos und unternahm eine Spritztour durch Nienburg, bei der die Fahrlehrer und Mitfahrer genau auf Fehler und Unsicherheiten des „Fahrschülers“ achteten.

"Voll ins Pedal treten"

Die anderen Teilnehmer übten derweil auf der Festwiese das richtige Bremsen bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Wie lang ist der Bremsweg bei 30 Kilometern pro Stunde, wie lang bei 50 und wie lang, wenn man noch schneller fährt? Sicherheitstrainer Michael Rogge von der Verkehrswacht ließ die Teilnehmer schätzen und Hütchen an den vermuteten Haltepunkten aufstellen. „Voll ins Pedal reintreten“, erklärt Rogge die Gefahrenbremsung. In fast allen Autos sei heutzutage ein Antiblockiersystem (ABS) verbaut, was die früher oft gelehrte „Stotterbremse“ unnötig machen würde.

„Auf mein Zeichen gehen Sie voll aufs Bremspedal.“ Michael Rogge erklärt den Teilnehmern die Übung.

Brokeloherin Justina Mulansky fuhr zunächst zögerlich in ihrem Polo los und bremste sogar noch bevor Rogge das Zeichen – ein Wink mit dem Hütchen – gegeben hatte und kam dementsprechend weit vor ihrer Markierung zum Stehen. Henry Hogrefe startete weitaus weniger zaghaft. Der Nienburger brachte seinen schweren Mercedes AMG schnell auf Touren und demonstrierte auch bei deutlich mehr als 70 Kilometer pro Stunde eine einwandfreie Vollbremsung. In der zweiten Runde zeigte dann auch Mulansky, was in ihrem kleinen Polo steckt und beschleunigte dieses Mal ordentlich, bevor sie in die Eisen ging, was ihr ein zufriedenes Nicken und Lächeln von Rogge einbrachte.

Fahrsicherheitstraining in Nienburg 

Das nächste Fahrsicherheitstraining im September ist bereits ausgebucht. Aktuelle Termine können der Internetseite der Verkehrwacht Nienburg entnommen werden. Anmeldungen erfolgen über den Landkreis Nienburg bei Andrea Braunack unter Tel. 05021/967148 oder per Mail an senioren@kreis-ni.de.

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