Angeklagte soll neue Freundin geduldet haben

Verwandte schildern „Albtraum von Leben“

Raddestorf – Seit Ende März muss sich vor dem Landgericht Verden eine 25 Jahre alte Angeklagte aus der Gemeinde Raddestorf wegen Totschlags verantworten. Sie soll im Oktober 2018 ihrem knapp vier Monate alten Sohn ein tödliches Schütteltrauma zugefügt haben (wir berichteten). Gestern wurde der Prozess mit weiteren Zeugenbefragungen fortgesetzt. Es ging um das erschreckend isolierte Leben der Angeklagten, die blind vor Liebe für ihren Mann sogar geduldet haben soll, dass dessen Freundin bei ihnen wohnte.

Für den späteren Ehemann soll die Angeklagte mit ihrer kompletten Familie gebrochen haben. Erst nach der Tat – in der Untersuchungshaft – hat sie sich offenbar mit ihrer Mutter versöhnt. „Darf ich kurz meine Tochter drücken?“, fragte die 56-Jährige aus dem Kreis Minden-Lübbecke, als sie den Gerichtssaal betrat. Sie durfte, und sofort lagen sich die die Frauen weinend in den Armen.

Obwohl sie ein Aussageverweigerungsrecht hat, sagte die Mutter aus. Sie berichtete von einer unbeschwerten Jugend ihrer Tochter mit Freunden, Sport, Schule und Ausbildung. Die üblichen Probleme, aber nichts Gravierendes. Pünktlich und gewissenhaft sei ihre Tochter immer gewesen.

Der Vorsitzende Richter Volker Stronczyk äußerte jedoch Zweifel: „Reden Sie sich da nicht etwas schön? Es ist ungewöhnlich, dass eine Tochter den Kontakt so radikal abbricht“, hielt er der Mutter vor. Doch die sieht den alleinigen Grund in der Beziehung zum späteren Ehemann: „Er kam, und alles ging den Bach runter.“

Zum endgültigen Bruch mit der Familie soll eine Strafanzeige der Mutter gegen den Mann geführt haben. Wiederholt sei er ohne Führerschein gefahren. Deshalb soll er später zu einer Haftstrafe verurteilt worden sein. Der spätere Ehemann und die Tochter seien wiederum mit einstweiligen Verfügungen gegen sie vorgegangen, berichtete die 56-Jährige.

Von der Heirat und den beiden Schwangerschaften ihrer Tochter habe sie über Dritte erfahren. Den erstgeborenen Enkel habe sie bislang nur nach dessen Geburt in der Babygalerie des Mindener Klinikums gesehen. Das getötete Baby habe sie nie zu Gesicht bekommen. Kontakt zur Angeklagten nahm ein Sohn der Cousine der Mutter auf. „Wir wussten, dass sie Probleme hat. Ihr Mann hat viel Mist gebaut und sie mit reingezogen“, so der 29-Jährige. Er habe sich gekümmert, „damit sie aus diesem Albtraum von Leben herauskommt“.

Die aktuelle Lebensgefährtin des Ehemannes, damals seine Arbeitskollegin, habe mehrere Wochen mit in der Wohnung der kleinen Familie gelebt, berichtete der Zeuge. Der Ehemann habe mit der Freundin in einem Raum geschlafen und die Angeklagte mit dem damals einzigen Sohn in dem anderen Raum. „Morgens hat sie beide zur Arbeit gefahren und abends wieder abgeholt“, sagte der 29-Jährige über die Angeklagte.

Verständnis dafür zeigte der Zeuge nicht. „Sie hatte die rosarote Brille auf.“ Vielleicht habe sie das alles aus Angst mitgemacht, Kontakt zu Freunden und Familie hatte sie nicht mehr. Die Angeklagte habe ihm berichtet, dass ihr Mann bestimmt habe, wie sie mit ihrem Handy umzugehen hat. „Sie sollte ihren Facebook-Kontakt löschen. Und ich weiß auch, dass er kontrolliert hat, wie viele Kilometer sie mit dem Auto gefahren ist.“

Das später getötete Baby war noch nicht geboren, als er Kontakt hatte. Um den Erstgeborenen habe sich die heute 25-Jährige „rührend gekümmert“.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Quelle: kreiszeitung.de

Rubriklistenbild: © dpa-avis

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Politik

Kampfabstimmung um CDU-Vorsitz: CDU vor Richtungsentscheid

Kampfabstimmung um CDU-Vorsitz: CDU vor Richtungsentscheid
Politik

Furcht vor Huawei: Trump macht Indien Druck beim Thema 5G

Furcht vor Huawei: Trump macht Indien Druck beim Thema 5G
Nienburg

Karneval in Stolzenau: Prunksitzung 2020

Karneval in Stolzenau: Prunksitzung 2020

Anonyme Drohung an Göttinger Hainberg-Gymnasium: Polizei im Großeinsatz

Anonyme Drohung an Göttinger Hainberg-Gymnasium: Polizei im Großeinsatz

Meistgelesene Artikel

Estorfs Ex-Bürgermeister fühlt sich sicher - will aber weiter gegen Rechtsextreme aufstehen

Estorfs Ex-Bürgermeister fühlt sich sicher - will aber weiter gegen Rechtsextreme aufstehen

Masern-Impfquote in Nienburg unter Landesschnitt

Masern-Impfquote in Nienburg unter Landesschnitt

Vorlesewettbewerb: Ein Alien in der Schule

Vorlesewettbewerb: Ein Alien in der Schule

Ein Alien in der Schule

Ein Alien in der Schule

Kommentare