Modebewusst, gestaltwandlerisch und politisch motiviert

Weihnachtsmann im Wandel der Zeiten

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Und wie ich so strolcht durch den finsteren Tann“: Rot gewandet und lang und dünn ist unser Weihnachtsmann zeitweilig unterwegs gewesen.

Landkreis - „Unserer ist klein und dick!“ „Nein, der ist doch groß und dünn!“ – Wenn ich mich am 25. Dezember mit meinen Freundinnen getroffen habe, damit wir unsere Weihnachtsgeschenke bestaunen konnten, dann haben wir natürlich auch über den Weihnachtsmann geredet. Höchst merkwürdig kam es uns vor, dass dieser Geselle von einem zum nächsten Haus so sehr seine Gestalt wechseln konnte.

Ja, höchst merkwürdig. Ungefähr so merkwürdig wie die Schusseligkeit, die unsere Oma an jedem Heiligen Abend befiel. Wir konnten uns darauf verlassen, dass ihr immer erst kurz vor der Bescherung (die wir innigst herbeisehnten) einfiel, dass sie ihre Brille vergessen hatte. Immer musste sie ausgerechnet dann zu ihrem Haus gehen, um sie zu holen. Und immer, aber wirklich immer, hat unsere kleine dicke Oma dann den Weihnachtsmann verpasst.

Neben klein und dick zeichnete unseren Weihnachtsmann aber noch anderes aus. Sein Mantel etwa, der nicht rot, sondern schwarz war. Er trug auch keine rote Mütze, sondern ein merkwürdiges braunes Gebilde, das fast wie eine Wichtel-Zipfelmütze geformt war. So habe ich ihn kennengelernt. 

Sprachlos 

Wenn sich mein kleiner 13 Jahre jüngerer Bruder an die Kleidung unseres Weihnachtsmannes erinnert, erzählt er allerdings von einer hellbraunen Jacke aus todschickem Fell-Imitat und einer schwarzen Woll-Mütze. Da ist der Weihnachtsmann wohl mit der Mode gegangen. Klein und dick war er allerdings immer noch. Oma wollte einfach nicht mehr wachsen. 

Klein, dick und mit schwarzem Mantel: Der Weihnachtsmann meiner Kindheit.

Eine Besonderheit unseres Weihnachtsmannes war es auch, dass er nicht sprechen konnte. Vermutlich war er von den vielen Bescherungen schon fürchterlich heiser. Jedenfalls fuchtelte er nur mit seiner Rute herum, tanzte ein bisschen und unsere Mutter hat uns dann darauf hinweisen müssen, dass der Weihnachtsmann bestimmt ein Gedicht hören möchte, bevor er seinen Sack aufmacht.

Das Gedicht war immer gleich, das konnten wir auswendig und es sind bis heute die einzigen Zeilen, die ich auf Plattdeutsch sagen kann:

„Wiehnachtsmann, kiek mi an 

lütten Knebel bün ick man, 

veel to seggn, heb ick nich, 

Wiehnachtsmann, vorgeet mi nich!“

Aber zurück zu klein und dick oder groß und dünn. Jahre später haben wir den langen Dünnen dann tatsächlich im Wald hinter unserem Haus gesichtet. War es der Weihnachtsmann? Oder der Nikolaus, der dort „durch finsteren Tann“ im Schnee herumstapfte, wie Theodor Storm es so schön beschreibt?

Jedenfalls hatte er zu jener Zeit nicht nur erstaunlich die Gestalt gewandelt, sondern auch das mittlerweile angesagte Coca-Cola-Rot übergestreift. Das war nicht unbedingt von Nachteil. Hätten wir ihn in Schwarz oder Braun gekleidet überhaupt zwischen den Bäumen entdecken können?

Nun ja, der lange Dünne hatte außerdem eine erstaunliche Verjüngungskur hingelegt. Statt unserer 80-jährigen Oma steckte nun mein 18-jähriger Bruder in dem Mantel. Der Enttäuschung der Kinder in unserer Familie, wenn ihnen bewusst wurde, dass der Weihnachtsmann eine Legende ist, wich immer irgendwann der Freude, selbst als diese Gestalt, die es nach Gedichten verlangt und die dafür Geschenke verteilt, darstellen zu dürfen. 

Mit Kissen und Bier 

Eines Tages war die Reihe auch an meinem Sohn – wie mein Bruder als langer und dünner Weihnachtsmann. Nichten und Neffen sollten nun erfreut werden. Am 23. Dezember, als die Kinder schon schliefen, holten wir das Kostüm hervor – der rote Mantel hielt sich mittlerweile hartnäckig in der Familie – und stellten fest, dass der Weihnachtsmann um die Taille herum gerne noch etwas zulegen könnte. Ein Sofakissen half da sehr. Bart und Kapuze, rote Hose und Gummistiefel – fertig war der Weihnachtsmann. Uff – die Kindchen würden staunen am nächsten Abend!

Während wir alle mit weiteren Vorbereitungen beschäftigt waren, Geschenke einpackten, Silber putzten, dabei über vergangene Weihnachten redeten, begann mein Bruder plötzlich schallend zu lachen.

Der moderne Weihnachtsmann: mit Bierflasche und politischer Botschaft.

Wir brauchten eine Weile, bis wir das Bild des modernen Weihnachtsmannes, das sich dort bot, so erfassten wie er: Dort saß, mit Bierflasche in der Hand, mein Sohn auf einem Barhocker und sinnierte darüber, wie er die Flasche angesichts des wallenden Wattebartes denn nun an seine Lippen führen könne. Der rote Mantel klaffte auf, das Sofakissen imitierte einen prächtigen Bauch und darüber spannte sich sein T-Shirt mit eindeutiger Botschaft. „FCK NZS“ hatte er sich an diesem Tag übergeworfen. 

Eindeutig erstaunlich, welche Wandlungen solch ein Weihnachtsmann über die Generationen erfährt. Wir sind schon sehr gespannt, welche Gestalt Nichten und Neffen ihm eines Tages verleihen werden.

Beate Ney-Janßen

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