Selbsthilfeverein für Schlafapnoe

Wenn der Atem plötzlich still steht

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Wolfgang Wagenfeld zeigt mithilfe von Bernd Andermann, wie das Gerät angelegt wird. Dessen Frau Birgit ist ebenfalls zweite Vorsitzende des Vereins.

Drakenburg - Von Julia Kreykenbohm. Jeden Morgen dasselbe Spiel. Kaum hat er das Frühstück hinter sich, könnte er schon wieder ins Bett kriechen. Dabei ist er zeitig schlafen gegangen. Hinzu kommen Kopfschmerzen und Bluthochdruck. Schließlich geht er zum Arzt, und der hat gleich einen Verdacht: Schlafapnoe.

Ein Begriff, den Bernd Andermann aus Drakenburg zwar schon mal gehört, mit dem er sich aber nie näher beschäftigt hat. Der Arzt gibt ihm ein Polygrafiegerät mit nach Hause, das eine Nacht sein Schlafverhalten aufzeichnet. Danach schickt er ihn ins Schlaflabor, und der Verdacht wird Gewissheit: Schlafapnoe. Das war vor rund 17 Jahren.

Der 61-Jährige erinnert sich jedoch noch gut an den Moment, als er die endgültige Diagnose bekam und der Arzt ihm das Gerät mit der angeschlossenen Atemmaske zeigte, die er von nun an jede Nacht tragen sollte. „Da ist eine Welt zusammengebrochen. Mit diesem Fremdkörper im Gesicht konnte ich nicht schlafen, habe mich nur herumgewälzt.“ 

Als er das Labor verließ, kam er nicht zurecht – bis er die Hilfe einer Klinikpsychologin in Anspruch nahm. „Die hat mir sehr geholfen, indem sie eine Art Trockenübung mit mir machte“, erzählt Andermann. Dazu gehörte, die Maske erst mal ohne das Gerät zu tragen, mal für zehn Minuten beim Zeitunglesen, dann mal für 15 Minuten beim Fernsehen, um sich daran zu gewöhnen.

Das, was Andermann bei der Psychologin gelernt hat, gibt er noch immer an andere Betroffene weiter. Denn heute ist er der erste Vorsitzende des gemeinnützigen Selbsthilfevereins Schlafapnoe mit insgesamt 147 Mitgliedern. Das Ziel des Vereins: Den Betroffenen helfen, sich selbst zu helfen und sie zu informieren, damit sie ein Stück Lebensqualität zurückbekommen und – das ist Andermann ganz wichtig – die Therapie nicht abbrechen. „Viele, die mit der Maske nicht zurechtkommen, benutzen sie nicht mehr, und das kann gefährlich werden.“

Schlafapnoe bezeichnet nämlich Atemstillstände beim Schlafen. Das kann dadurch passieren, dass die Zunge nach hinten klappt und den Rachen blockiert oder das Gehirn die Botschaft sendet, die Atmung einzustellen. Diese Aussetzer können von drei Sekunden bis zu zwei Minuten dauern. „Meine dauerten manchmal knapp zwei Minuten“, erzählt der zweite Vorsitzende, Wolfgang Wagenfeld. „So lange kann ich im wachen Zustand nicht mal die Luft anhalten.“

Betroffene können sich und andere gefährden

Die Aussetzer führen dazu, dass die Sauerstoffsättigung im Blut sinkt, was das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes steigert. Und natürlich wächst die Gefahr von Sekundenschlaf, was gerade beim Autofahren die Sicherheit des Betroffenen und von Unbeteiligten gefährdet. „Darum ist es so wichtig, möglichst jede Nacht das Gerät einzuschalten“, betont Andermann.

Anders als viele annehmen, ist dies kein Sauerstoffgerät. „Es saugt Raumluft an, filtert sie und pumpt sie über die Maske in die Atemwege.“ Dadurch können die Atemaussetzer verhindert oder zumindest minimiert werden. Andermann hatte zu Beginn 30 Aussetzer pro Stunde, jetzt sind es noch zwei in der ganzen Nacht. Das weiß er, weil das Gerät auch sein Schlafverhalten aufzeichnet.

Andermann kennt den Widerwillen vieler Betroffener, das Gerät dennoch zu benutzen. Darum ist es ihm eine Herzensangelegenheit zu helfen. „Für jedes Problem gibt es eine Lösung, man muss sie nur finden“, ist er überzeugt. Und wenn alles funktioniere, bekomme man seine Lebensqualität zurück. Wer zum Beispiel mit der Maske nicht zurechtkommt, braucht vielleicht nur eine andere. „Es gibt unglaublich viele Modelle. Die einen umfassen nur Nase, die anderen Nase und Mund und wieder andere das ganze Gesicht.“

Zudem könne man sich auch eine ganz individuelle Maske anfertigen lassen. „Unser Verein bietet zu dem Thema Beratungstermine an.“ Auch pflegt der Verein engen Kontakt zu den Herstellern. Wer glaubt, mit seinem Gerät stimme etwas nicht, bekommt ebenfalls Hilfe. Darüber hinaus lädt der Verein immer wieder Ärzte zu Fachvorträgen ein, um immer auf dem neuesten Stand der Medizin zu sein.

Selber aktiv sein und lernen, mit der Krankheit umzugehen, ist das Motto der Gruppe. Etwas, was Andermann in seiner ersten Selbsthilfegruppe, die er nach seiner Diagnose in Hannover besuchte, gefehlt hat. „Da haben wir uns im Grunde nur über die Krankheit ausgetauscht, aber wir haben nichts getan oder nach Lösungen gesucht.“ 1998 gründete er dann seine eigene in Nienburg und hatte gleich 15 Teilnehmer. Heute kommen an einem Abend 50 bis 70 Leute aus den Landkreisen Nienburg, Schaumburg, Diepholz, Hannover und dem Heidekreis. „Schlafapnoe ist sehr verbreitet und die Dunkelziffer sicher noch höher.“ Seit 2000 besteht der Verein.

Schnarchen kann ein Anzeichen sein

Die Erkrankung hat anatomische Gründe und trifft überwiegend Männer. Frauen bekommen sie meist nach der Meno-Pause. Starkes Schnarchen kann ein Anzeichen sein. „Wer sich informieren möchte, sollte die Unterstützung einer Selbsthilfegruppe in Anspruch nehmen, da diese leider oft besser Bescheid wissen als viele Ärzte.“

Für die Zukunft möchte der Verein „Runde Tische“ anbieten, wo speziell Neu-Betroffene kommen können. „Uns ist aufgefallen, dass diese bei den Gruppentreffen häufig gehemmt sind, vor so vielen Menschen zu sprechen. Darum wollen wir ihnen eine persönliche Beratung ermöglichen“, sagt Andermann.

www.schlafapnoe-nienburg.de

Quelle: kreiszeitung.de

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