Tipps vom Medienpädagogen

„Wenn Ihre Kinder Sie doof finden, machen Sie alles richtig“

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Gestenreich brachte Wilfried Brüning seinen Zuhörern das Thema Bildschirmmedien-Konsum näher. Er präsentierte dabei die „Zwei-Welten-Waage“, mit der er eine Balance zwischen Spielen in der realen und der virtuellen Welt schaffen will.

Hoya - Von Elena Zelle. In ungefähr 70 Familien in Hoya und umzu dürfte seit Mittwochabend der Haussegen schief hängen. Denn so viele Eltern waren zum Vortrag „Zwischen zwei Welten – Kinder im medialen Zeitalter“ in der Grundschule gekommen. Das allein bringt noch keinen Knatsch. Dafür dürften die Tipps von Wilfried Brüning sorgen: Der Medienpädagoge ermutigte seine Zuhörer eindringlich, den Bildschirmmedien-Konsum ihrer Kinder zu begrenzen.

Bildschirmmedien-Konsum – mit diesem Wortungetüm meint Brüning alles, bei dem Kinder sich weitgehend passiv berieseln lassen; alles, bei dem nicht alle Sinne angesprochen werden. Sprich: Der Nachwuchs soll weniger chatten, weniger elektronisch spielen und weniger fernsehen. Weniger heißt nicht gar nicht. Deshalb hat Brüning die „Zwei-Welten-Waage“ entwickelt.

Organisiert haben den Vortragsabend die Leiterin der Grundschule Hoya, Anne Wasner, und der Leiter der Grundschule Bücken, Joachim von Lingen. „Medienkonsum ist ein drängendes Problem, und unter den Eltern gibt es viele Unsicherheiten“, sagt von Lingen und betont: „Das Thema betrifft alle gesellschaftlichen Schichten.“

Brüning erklärt anhand des Beispiels vom dreijährigen Lucas und von einer Zitrone, dass mit allen Sinnen gemachte Erfahrungen in der realen Welt besser vom Gehirn gespeichert werden als Erfahrungen in der virtuellen Welt, bei denen in der Regel nur zwei Sinne angesprochen werden: das Sehen und das Hören – beides allerdings nur zweidimensional. In dem Beispiel erforscht Lucas eine Zitrone: Er sieht sie, fühlt sie, riecht, schmeckt und hört sie – oder hört eben auch nichts. Wer eine Zitrone am Bildschirm erforscht, sieht sie und hört sie (nicht), benutzt also nur zwei Sinne.

Verknüpfungen zur Zitrone im Gehirn

Je mehr Sinne aber angesprochen werden, desto mehr Verknüpfungen zur Zitrone entstehen im Gehirn – es bildet sich ein dichtes Netz, das die Informationen speichert, erklärt Brüning. Ein aus nur zwei Sinnen geknüpftes Netz ist löchrig und lässt Informationen leicht durchfallen.

Wilfried und Astrid Brüning mit den Schulleitern Anne Wasner und Joachim von Lingen (von links).

Hinzu kommt: In der virtuellen Welt können Kinder sich ihr Umfeld so gestalten, wie sie wollen. Wenn ihnen etwas nicht passt, schalten sie einfach ab. Fehler fallen nicht ins Gewicht, schließlich hat man etwa an der Spielkonsole mehrere Leben oder fängt von vorne an. Die Erfolge fallen Kindern in den Schoß. Jeder könne in Computerspielen Erfolg haben, betont Brüning. Das sei von den Programmierern so vorgesehen. Das sollten Eltern Kindern erklären, schlägt der Medienpädagoge vor – vielleicht so: „Wenn du vor dem PC sitzt, bist du nur eine ferngesteuerte Unterhose.“

Verteufeln wolle er digitale Medien keinesfalls, sagt Brüning: „Lernprogramme, Recherche am Computer und der schöpferische und kreative Umgang mit Bild-, Schnitt- und Tonprogrammen ist unbedenklich.“

Unterhaltsam, abwechslungsreich und leidenschaftlich

Die Tipps und Infos von Brüning, der mit seiner Frau Astrid und zwei Söhnen in Detmold lebt, kommen weniger wie ein trockener Pädagogen-Vortrag daher. Unterhaltsam, abwechslungsreich und leidenschaftlich gestaltet er auch mithilfe seiner Frau die dreistündige Veranstaltung. „Wir werden besser unterhalten als das Fernsehen“, verspricht er zu Beginn – und hält Wort.

Zum Abschluss appellierte er an die Eltern: „Werfen Sie noch heute Abend den Fernseher aus dem Kinderzimmer!“ Und Brüning betont: „Begrenzen Sie den Bildschirmmedien-Konsum!“ Wer das tut, sorge natürlich dafür, dass die Kinder wütend sind. Aber Brüning beruhigt: „Wenn Ihre Kinder Sie doof finden, machen Sie alles richtig.“ Später, wenn die Kinder erwachsen sind, werden sie es ihren Eltern danken, ist Brüning überzeugt.

Hintergrund: Die „Zwei-Welten-Waage“

Brüning fordert zum Ausgleich für am Bildschirm verbrachte Zeit eine bestimmte Menge Spiel in der realen Welt – und zwar altersabhängig: für Kinder unter 6 Jahren 40 Minuten real für 10 Minuten virtuell; für Kinder von 6 bis 12 Jahren 30 Minuten real für 10 Minuten virtuell; für Kinder ab 12 Jahren 20 Minuten real für 10 Minuten virtuell.

Quelle: kreiszeitung.de

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