Die schwarze Kunst

Schwimmende Druckerei legt in Hoya an: Skipper zeigt, was sich im Laderaum befindet

Zum Drucker-Fachsimpeln an Bord der „Gertrud“ trafen sich in Hoya (v.l.): Michael Linke, Vorsitzender der Museumsdruckerei Hoya, Peter Vöge, Eigentümer der schwimmenden Druckerei an Bord der „Gertrud“, und Sylke Linke, Kassiererin der Museumsdruckerei.
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Zum Drucker-Fachsimpeln an Bord der „Gertrud“ trafen sich in Hoya (v.l.): Michael Linke, Vorsitzender der Museumsdruckerei Hoya, Peter Vöge, Eigentümer der schwimmenden Druckerei an Bord der „Gertrud“, und Sylke Linke, Kassiererin der Museumsdruckerei.

Hoya – Das Plattbodenschiff „Gertrud“ von Skipper Peter Vöge beherbergt in seinem Bauch etwas ganz Besonderes. Der Drucker und Schiffseigner zeigt, worum es sich handelt.

Viel Wellengang macht sie nicht auf der Weser, die „Gertrud“. Behäbig und fast lautlos gleitet sie auf den Löschplatz zwischen Hoyas Brücken zu, um an der Kaimauer festzumachen. „Sieht ein bisschen aus wie ein Piratenschiff“, sagt Michael Linke von der Museumsdruckerei schmunzelnd. Das liegt wohl daran, dass die „Gertrud“ so schwarz ist wie die Kunst, die sie an Bord (be)fördert:

In ihrem Bauch, dem einstigen Laderaum, beherbergt sie eine schwimmende Druckerei. Deren Betreiber ist Schiffseigner Peter Vöge. Nach Hoya kam er jetzt, um Michael Linke und den Vorstandsmitgliedern der Museumsdruckerei zu der nun auch formal vollzogenen Gründung ihres Vereins zu gratulieren.

Ein Prachtstück an Bord ist diese Druckpresse aus dem Jahr 1860.

Genau 111 Jahre alt ist die „Gertrud“, ein niederländisches Plattbodenschiff, das einst als motorloser Frachtsegler auf dem Ijsselmeer und in anderen küstennahen Gewässern kreuzte. Erst 17 Jahre nach seinem Stapellauf 1910 erhielt das 25 Meter lange Schiff einen Motor. „Zu dem Zeitpunkt wurde die entsprechende Technik langsam bezahlbar“, erläuterte Peter Vöge seinen Besuchern an Bord. Noch bis 1973 transportierte die „Gertrud“ tonnenweise Rohkaffee zu niederländischen Kaffeefabriken. „Danach gelangte sie nach Norderney, wo sie als Inselschiff stationiert war“, fuhr Vöge fort. „Sie war ein Wrack, als ich sie dort entdeckte und 1994 kaufte.“ Es folgten zwölf Jahre, in denen Peter Vöge die arg mitgenommene „Gertrud“ liebevoll renovierte und restaurierte.

Im offenen Ruderstand der „Gertrud“ lief Peter Vöge mit seiner schwimmenden Druckerei am Wochenende in Hoya ein. Vom vorherigen Liegeplatz in Bremen bis zum Eintreffen in der Grafenstadt hatte es fast ständig geregnet. Erst mit der Ankunft in Hoya hörte der Regen auf.

Der Verwendungszweck des früheren Frachtseglers war für seinen neuen Eigner vorgegeben: Peter Vöge ist gelernter Buchdrucker, war danach Lehrer und schließlich Inhaber eines Lehrmittelverlags. „Und seit vier Jahrzehnten ist er mein Mentor“, berichtet Michael Linke. „Er hat mir das Drucken nahegebracht und schon beim Einrichten der Schuldruckerei in Wechold geholfen.“ Hilfe leistet Peter Vöge auch bei der Einrichtung der Museumsdruckerei im ehemaligen Molkereigebäude an der Lindenallee in Hoya: Eine neue (alte) Linotype-Setzmaschine, die er ausfindig gemacht hat, soll in Kürze in der Grafenstadt eintreffen. Die Linotype, die in Michael Linkes bisheriger Museumsdruckerei an der Kirchstraße stand, konnte nicht an die Lindenallee umziehen.

„Dazu hätte sie zerlegt werden müssen, und das wäre zu teuer geworden“, erklärt Michael Linke im Gespräch mit der Kreiszeitung. „Deshalb mussten wir uns von ihr trennen und eine Nachfolgerin anschaffen.“

Mit geringeren Maschinen-Abmessungen muss sich Peter Vöge an Bord der „Gertrud“ zufriedengeben. Nichtsdestoweniger hat es der Bauch des Plattbodenschiffs buchstäblich in sich. Und das ist wörtlich zu nehmen, denn im ehemaligen Frachtraum dreht sich heute alles um Buchstaben. Die schwarze Kunst ist mit Skipper Peter Vöge und seinem „Matrosen“ Franz Klein ständig auf „Seereise“. Auch Letzteres ist zumindest zu einem großen Teil wörtlich begründet, denn die „Gertrud“ meistert locker die Fahrt in Küstennähe auf der Ostsee.

Schriftsatz, Buchdruck und Buchbinderei gehören zum Arbeitsbereich der schwimmenden Druckerei. Peter Vöge zeigt Beispiele dieser Berufssparte.

Eine reisende Druck-Grafik-Werkstatt mit Schriftsatz, Buchdruck und Buchbinden betreibt Peter Vöge an Bord der „Gertrud“ und bietet dort auch Kurse an. Weitere Infos dazu gibt es unter www.gertrudklipperaak.jimdo.com. Für seine große Leidenschaft, das Drucken an Bord, hat Peter Vöge schon vor Jahren Haus und Hof verkauft und wohnt seitdem auf dem mit viel Liebe zum Detail restaurierten Plattbodenschiff. Dessen typische äußeren Merkmale sind die beiden Seitenschwerter, ein offener Ruderstand und der klappbare Mast. Im Winter liegt das Schiff auf der Ems bei Wehner oder Leer. Im Sommer ist sie an der Ostsee, unter anderem zwischen Lübeck, Neustadt und Sonderborg (Dänemark) unterwegs. Aktuell lag der Kurs von einer Werft in Oldersum über Brake an der Unterweser nach Uelzen an, wo in Kürze die Ausstellung „Typomania“ stattfindet – ein „Muss“ als Ziel für Peter Vöge.

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