Seit 25 Jahren VHS-Kurse für Frauen

Selbstverteidigung: „Wir machen keinen Wattebäuschchen-Lehrgang“

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Hartmut Grulke (links) und Thomas Schmidt zeigen, wie man sich gezielt wehrt.

Nienburg - Von Julia Kreykenbohm. Das Stadtfest ist vorbei und die Frau macht sich allein auf den Weg zu ihrem Auto, das abseits auf einem dunklen Parkplatz steht. Auf einmal vernimmt sie Schritte hinter sich. Vielleicht nur ein harmloser Passant, der genauso auf dem Heimweg ist wie sie. Aber vielleicht auch jemand, der ihr gezielt folgt – mit bestimmten Absichten.

Nachrichten über missbrauchte Frauen schießen ihr durch den Kopf, Panik macht sich breit. Was nun? Schnell weglaufen? Aber was, wenn er mich einholt? Das Handy ziehen und einen Bekannten anrufen? Vielleicht schlägt er mich nieder, bevor ich überhaupt eine Nummer wählen kann. Ganz gleich, wie sie es dreht und wendet, sie fühlt sich wehrlos, den Umständen schutzlos ausgeliefert. Wohl eines der schlimmsten Gefühle, die man haben kann.

Vielen Frauen geht es so. Ob nun in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Plätzen, der Straße oder auch im Beruf: Sie fühlen sich nicht sicher. Doch dagegen kann man – oder besser gesagt frau – etwas tun, sind sich Thomas Schmidt und Hartmut Grulke einig. Keine Frau ist in ihren Augen wehrlos, egal wie alt, groß oder stark sie ist. In jeder schlummert eine Kämpferin und die beiden haben es sich zur Aufgabe gemacht, sie „zu wecken“. Seit über 25 Jahren bieten sie Selbstverteidigungskurse für Frauen im Landkreis Nienburg an.

Ursprung war Polizei-Projekt

„Ursprünglich ist es mal ein Projekt der Polizei gewesen und war Teil der Präventionsarbeit“, berichtet Grulke, der pensionierter Polizist ist. Inzwischen ist das Ganze bei der Volkshochschule Nienburg angesiedelt. Dass sie nach Vorfällen wie beispielsweise in der Silvesternacht in Köln mehr Zulauf haben, können die beiden nicht bestätigen. „Wir hatten immer konstant guten Zulauf“, meint Schmidt. Mittlerweile beschränken sie die Teilnehmerzahl auf zwölf bis maximal 15 Damen, damit sie auf jede individuell eingehen können. Denn ihre Arbeit besteht eben nicht nur darin, Kampftechniken zu vermitteln, sondern erfordert auch viel Fingerspitzengefühl.

„Wir haben völlig unterschiedliche Frauen und jede bringt ihre eigene Geschichte mit. Da gibt es Frauen, die bereits sexuelle Übergriffe erlebt haben und einige, die lernen wollen, wie sie sich gegen den eigenen Mann zur Wehr setzen können“, berichtet Grulke. Frauen, die so traumatisiert sind, dass sie in Panik geraten, sobald man sie am Arm packt. Doch die meisten Teilnehmerinnen kommen, weil sie sich für den Ernstfall wappnen möchten.

Und wie wappnet sich frau? „Unsere Arbeit besteht aus einem theoretischen und einem prakischen Teil“, erzählt Grulke. „In dem theoretischen Teil soll unter anderem der Eindruck, das überwiegend Frauen Opfer werden, abgemildert werden, in dem wir ihnen Statistiken zeigen, die belegen, dass über 90 Prozent der Rohheitsdelikte gegen Männer verübt werden.“

„Frauen sind oft zu sorglos“

Dazu werden Tipps gegeben, wie Frauen Situationen vermeiden können, in denen sie Opfer werden. „Vor Mitternacht öffentliche Feste verlassen, weil nachweislich nach 0 Uhr die meisten Vorfälle passieren oder eben die Straßenseite wechseln, wenn einem eine größere Gruppe Männer entgegenkommt“, zählt Grulke auf. Tipps, die einleuchten – aber womöglich vielen Frauen nicht gefallen werden, weil sie sie als Einschränkung ihrer Freiheit empfinden. Und ist dann etwa eine Frau, die diese Tipps nicht befolgt und attackiert wird, selber Schuld? Grulke sieht das Ganze pragmatisch: „Frauen achten darauf, dass Auto und Haustür verschlossen sind, sie treffen Vorsorge, damit ihrem Besitz nichts geschieht. Mit ihrer eigenen Sicherheit gehen sie sorgloser um.“

Außerdem wichtig: Immer Öffentlichkeit herstellen. Schwieriger sei es im Beruf, wenn Kollegen oder gar der Chef zudringlich werden. Doch auch dort kann frau Grenzen aufzeigen, ohne um ihren Job fürchten zu müssen. „Macht der Kollege permanent körperliche Annäherungsversuche, sollte sie ihm einmal auf den Fuß treten und sich dann sofort laut entschuldigen. Er kann sein Gesicht wahren – dürfte aber die Botschaft verstanden haben“, sagt Grulke.

Angreifer kampfunfähig machen

Im praktischen Teil des Trainings geht es dann ans „Eingemachte“. „Wir machen keine Wattebäuschchen-Lehrgang“, sagt der pensionierte Polizist trocken. Die meisten Frauen würden erzogen, leise zu sprechen, nicht zuzuschlagen, keinem wehzutun. Im Lehrgang wird dieses Erziehungskonzept ins Gegenteil verkehrt: „Bei uns lernen sie zu schreien, zuzuschlagen und zutreten. Sie lernen nicht, dem Angreifer wehzutun, sondern ihn kampfunfähig zu machen. Da wird nicht die Hand verdreht, sondern im schlimmsten Fall der Arm gebrochen oder die Kniescheibe durchgetreten“, sagt Grulke. 

Er und Schmidt beherrschen Karate, Judo, Ringen, Jiu Jitsu und Krav Maga. Aus diesen verschiedenen Kampfsportarten bringen sie den Frauen die effektivsten und einfachsten Techniken und Griffe bei. „Dinge, die an die Realität angepasst sind und im Alltag auch wirklich funktionieren.“ Darauf legen die beiden großen Wert.

„Es ist belegt, dass in über 86 Prozent der Fälle, wo Frauen sich massiv gewehrt haben, die Tat nicht beendet wurde“, weiß Grulke. „Frauen haben nur eine Chance und die müssen sie nutzen, denn sie haben den Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Dann können sie gewinnen.“ Darum sei es wichtig für sie, keine Scheu zu haben und sich nicht zurückzunehmen. Um ihnen die Unsicherheit zu nehmen, klären die beiden Trainer auch über rechtliche Sachen auf: Was ist Notwehr? Was darf ich wann tun?

Zwei Tage Training

Der Lehrgang umfasst zwei Tage. Nicht viel Zeit, aber da Grulke und Schmidt die Frauen „dort abholen, wo sie stehen“ und ihnen zeigen, wie sie schon aus alltäglichen Bewegungen Abwehrtechniken machen können, seien sie recht erfolgreich, meinen die beiden. Rückmeldungen seien durchweg positiv. Mitmachen könne jede ab 16 Jahren. „Unsere älteste Teilnehmerin war 80 Jahre“, erinnert sich Schmidt mit einem Schmunzeln.

„Wir können in zwei Tagen aus keiner Frau eine Kampfmaschine machen“, erklärt Hartmut Grulke. Aber keine Frau verlasse den Lehrgang, wie sie ihn begonnen habe. „Sie wissen danach, dass sie sich wehren können und das gibt ihnen Selbstbewusstsein, das man ihnen auch anmerkt.“

Lehrgang

Frauen, die Interesse daran haben, Selbstverteidigung bei Thomas Schmidt und Hartmut Grulke zu erlernen, können sich für einen Lehrgang anmelden, der am Samstag, 28. Januar, von 15 bis 18 Uhr, und Sonntag, 9 bis 12   Uhr, veranstaltet wird. Er wird in der neuen Turnhalle der Albert-Schweitzer-Schule, Friedrichstraße 2 in Nienburg sein. Die Gebühr beträgt 43,60 Euro. 

Sportkleidung und etwas zu Trinken sind mitbringen. Eine schriftliche Anmeldung unter der Kursnummer: 16A3H065 ist erforderlich. Sie erfolgt bei der VHS-Geschäftsstelle, Rühmkorffstraße 12 in Nienburg per E-Mail unter vhs@kreis-ni.de. Informationen gibt es auch unter www.vhs-nienburg.de und unter Telefon 05021/967600.

Quelle: kreiszeitung.de

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