Zahl der Verbraucherinsolvenzen im Landkreis ist gestiegen

Nienburg stemmt sich gegen den Bundestrend

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Wolfgang Lippel ist gern Schuldnerberater. 

Nienburg - Von Julia Kreykenbohm. Schon wieder ein Brief, der ungeöffnet auf den Stapel wandert. Was drin steht, weiß der Empfänger sowieso. Eine Mahnung, endlich das Geld für den jüngsten Kauf zu bezahlen. Aber wovon? Es ist ja nicht mal genug für die nächste Miete da! Und dann sind da noch die Gläubiger, die langsam ihr Geld wiedersehen wollen. Der Schuldenberg wächst und wächst. Existenzängste nehmen allmählich die Luft zum Atmen: Wie soll es weitergehen? Lande ich demnächst auf der Straße? Muss ich verhungern?

Die Menschen, die zu Wolfgang Lippel kommen, sind meist im freien Fall. Wenn sie die Tür zum Büro des Schuldnerberaters des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Nienburg öffnen und auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz nehmen, haben sie schon einen langen „Leidensweg“ hinter sich. „Viele sitzen vor mir und zittern regelrecht“, so Lippel. Die Hemmschwelle, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei nach wie vor hoch. Vielleicht stellen sich die Klienten vor, dass sie wie von einem strengen Lehrer für ihre Finanzen getadelt werden und einem Menschen gegenübersitzen, der sich nur für Zahlen interessiert.

Darum versucht der Schuldnerberater, den Leuten ihre Befangenheit zu nehmen. Oft helfen die Plakate von Borussia Dortmund und dem FC Barcelona, die in seinem Büro hängen. „Die Klienten fragen, ob ich Fußbfallfan bin und darüber bricht dann schnell das Eis“, sagt der 60-Jährige und lacht. Er weiß, dass seine Klienten sich zu einem schweren Schritt überwinden müssen: einem völlig Fremden sich zu offenbaren. Es geht nämlich bei seiner Beratung nicht nur um Zahlen und wie man sie wieder in den schwarzen Bereich bringen kann, sondern auch um den Menschen. „Ich muss die Ursachen kennen, die zur Überschuldung geführt haben. Die Leute müssen mir also ihre Geschichte von Anfang bis Ende erzählen. Ehrlichkeit ist die Basis unserer Zusammenarbeit.“

„Big Six“ führen zur Schuldenfalle

Doch welche Gründe können Menschen in die Schuldenfalle führen? Lippel nennt sie die „Big Six“ – also die großen Sechs. Dazu gehören: Arbeitslosigkeit, Einkommensarmut, Krankheit, Trennung vom Partner oder dessen Tod, gescheiterte berufliche Selbstständigkeit und unwirtschaftliches Konsumverhalten. Und welche der „Big Six“ nennen seine Klienten im Landkreis Nienburg am häufigsten? „Arbeitslosigkeit, Krankheit oder der Verlust des Partners“, antwortet Lippel. Aber auch gescheiterte Selbstständigkeit gehört dazu, wobei die Betroffenen meist die höchsten Schulden haben.

Was die Überschuldung von Privatpersonen angeht, stemmt sich der Landkreis Nienburg übrigens gegen den Bundestrend – allerdings im negativen Sinne. „Die Zahl der eröffneten Verbraucherinsolvenzverfahren im Bezirk des Insolvenzgerichtes Syke, zu dem auch der Landkreis Nienburg gehört, ist im Jahr 2016 entgegen dem Bundestrend gestiegen“, sagt Lippel. Die sogenannten Regelinsolvenzverfahren für Firmen und Selbstständige seien um über 18 Prozent mit 134 Verfahren in 2015 auf 159 in 2016 gestiegen. Diese erhebliche Steigerung entspricht nicht dem Bundestrend, der eine Abnahme dieser Verfahren um 6,4 Prozent vorhersagt.

Überschuldung wird sich auf diesem Niveau halten 

Die Zahl der eröffneten Verbraucherinsolvenzverfahren für Privatpersonen ist nur geringfügig um gut ein Prozent gestiegen. Dort erhöhte sich die Zahl von 486 in 2015 auf 491 in 2016, was auch gegen den Bundestrend mit sinkenden Verfahrenszahlen laufe (Prognose minus 2,5 Prozent). Weder das Gericht noch Lippel haben hierfür eine Erklärung. Aber auch in früheren Jahren sei die Entwicklung hier gelegentlich gegen den Trend gegangen, so der Berater.

Auch für die Zukunft glaubt er, dass sich die Überschuldung auf diesem Niveau halten wird. Die Zahl der überschuldeten Haushalte sei in den vergangenen 15 Jahren stabil geblieben. „Sie wird keinesfalls sinken.“ Und das, obwohl die Schuldnerberatung jetzt sogar bessere Werkzeuge an der Hand hat, um den Menschen zu helfen und sie in geregelte Verfahren zu bringen. „Ein wichtiger Schritt war auch das Pfändungsschutz-Konto (P-Konto), das 2010 eingeführt wurde. Damit können die Klienten Freibeträge auf ihrem Giro-Konto haben, die nicht gepfändet werden und von denen sie leben können.“

Höchste Schuldenstand eines Klienten betrug eine Million Euro 

Wolfgang Lippel ist seit 31 Jahren Schuldnerberater und kommt immer noch jeden Tag gerne ins Büro. „Ich habe die Möglichkeit, Menschen zu helfen und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Wenn sie zu mir kommen, stellen wir erstmal die Grundversorgung sicher und entwerfen dann einen Plan, wie es weitergeht.“ Der höchste Schuldenstand eines Klienten, an den er sich erinnert, betrug eine Million Euro.

Natürlich gebe es auch unschöne Erlebnisse, wenn er beispielsweise erfahren muss, dass Klienten, denen er monatelang geholfen hat, nicht ehrlich zu ihm waren und etwas verschwiegen haben. „Bei einem Mann erfuhr ich erst durch seinen Chef, dass er spielsüchtig ist und dort viel Geld lässt. Auch von Suchterkrankungen müssen mir meine Klienten erzählen, damit ich die Lage richtig einschätzen und vielleicht auch Hilfe organisieren kann. Wir haben unter anderem auch Kontakt zur Suchtberatung. Wir wollen dem Menschen im Ganzen helfen und nicht nur seine Finanzen in Ordnung bringen, denn sonst bekämpft man nicht die Ursache des Problems.“

Doch es gibt auch immer positive Erlebnisse. „Die Mutter dreier Kinder hatte über 40 Gläubiger und war hoffnungslos überfordert. Da sie auch zunächst sehr desinteressiert schien, war ich sicher: Das wird nichts. Doch ich habe mich in ihr getäuscht.“ Die Frau kam erneut in seine Beratung und fing an, ihre Probleme anzugehen. „Sie machte alles, was ich ihr aufgetragen habe, sammelte Unterlagen und füllte Formulare aus. Innerhalb eines Jahres machte sie eine unglaubliche Wandlung durch und gewann dadurch auch viel Selbstvertrauen.“

Lippel hofft, dass er künftig noch mehr Leuten helfen kann. Seiner Erfahrung nach nehmen über 80 Prozent der Beratungen einen positiven Verlauf. Am schönsten seien Rückmeldungen wie: „Dass ich zu ihnen gekommen bin, war die beste Entscheidung meines Lebens.“

Kontakt

Schuldnerberater Wolfgang Lippel berät seine Klienten kostenlos. Er ist unter der Telefonnummer 05021/974515 zu erreichen.

Quelle: kreiszeitung.de

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