Bremen, Aleppo und Kobani

„Zollhausboys“ nehmen Publikum mit auf eine Reise in ihre Vergangenheit

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Songs, Poetry und Kabarett boten die „Zollhausboys“ (von links): Delyar Hamza (Gesang, Percussion), Pago Balke (Texte, Gesang, Kompositionen, Gitarre, Marimba, Regie), Azad Kour (Tanz, Texte, Gesang), Shvan Sheikho (Texte, Kompositionen, Gesang, Schlagzeug, Gitarre) und Ismaeel Foustok (Texte, Gesang, E-Gitarre).

Hoya - Von Horst Friedrichs. Musik und Satire, Songs und Kabarett – alles zusammen eine Bandbreite, die nur unzureichend zusammenfasst, was am Sonntagabend auf der Bühne des Hoyaer Kulturzentrums ablief. Denn eins fehlt in der Aufzählung der Genres: das Flüchtlingsdrama, erlebt von den „Zollhausboys“ selbst und im Veranstaltungsflyer lediglich untertitelt als „aus Aleppo, Bremen und Kobani“.

Die „Zollhausboys“ sind vier junge syrische Neubürger der nahen Hansestadt Bremen. Ihr Name ist zugleich das Programm, das sie gemeinsam mit dem Schauspieler und Kabarettisten Pago Balke und dem Musiker Gerhard Stengert auf die Beine gestellt haben. Auf einfühlsame und nichtsdestoweniger eindringliche Weise führten sie es jetzt in Hoyas alter Martinskirche auf.

Die drei Städte im Untertitel umreißen die alte und die neue Heimat der vier jungen Männer, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Zu Hause waren sie im kurdischen Kobani und im arabischen Aleppo, beides syrische Städte mit schwersten Kriegsschäden. Zu Hause sind sie nun in Bremen, wo sie in einem ehemaligen Hostel mit Namen „Zollhaus“ unterkamen. 

Ihre musikalisch-kreativen Fähigkeiten blieben nicht verborgen, und Pago Balke war es, der gemeinsam mit Gerhard Stengert aus dem Gruppenrohling einen edel geschliffenen Diamanten formte. Als „Zollhausboys“ treten Balke, Stengert und die vier inzwischen erwachsenen jungen Männer seither auf norddeutschen Bühnen auf und reisen von einem stürmisch gefeierten Auftritt zum nächsten.

Gerhard Stengert brachte instrumental Besonderes in die Martinskirche. Dem imposanten Marimbafon, auch kurz Marimba genannt, entlockte er warmweiche bis stark akzentuierte Töne, teilweise in Eigenkompositionen. Außerdem spielte Stengert Vibrafon und Schlagzeug. 


Hoya machte in dieser Beziehung keine Ausnahme. Erst nach zwei Zugaben wurden die „Zollhausboys“ von einem begeisterten Publikum entlassen, das sie zuvor zwei Stunden lang in alle Empfindungsstadien von Entzücken bis Nachdenklichkeit versetzt hatten.

Gleich zu Beginn weckte der Titel „Aleppo“ Gemeinsamkeiten mit Pago Balkes Bremen-Beschreibung: „1945 war die schöne Stadt zerbombt, am Boden, einfach platt.“ Und mehrstimmig sangen die „Zollhausboys“ vom heute zerstörten Aleppo: „Da komm ich her. Ich floh über Land, ich kam übers Meer.“

Flucht, Heimat und Fremdheit waren die Themenkreise des Abends mit seinen außergewöhnlichen und zu Herzen gehenden Darstellungen. Dass Songs und Szenen teilweise auf eigenen Erlebnissen der vier jungen Multitalente beruhten, erfuhren die Besucher von ihnen selbst in tief empfundener Mitteilsamkeit. Nichtsdestoweniger wollen die Veranstalter ihr Stück zugleich als kulturelle Attacke verstanden wissen – gegen den Rechtspopulismus und das Fremdeln gegenüber den Menschen, die hier gelandet und gestrandet sind. Pago Balke brachte es zum Ausdruck mit dem Titel „AfDesaster“, einer Zusammenstellung von Originalzitaten. Azad Kour beschrieb den Geruch seiner Heimat mit dem stimmungsvollen Lied „Regen am Fenster“, um gleich darauf stürmischen Beifall für seine tänzerischen Leistungen in „Raindance“ zu ernten.

Völkerverbindende Zungenbrecher

Bei aller Flüchtlingsproblematik kamen im Bühnenprogramm der „Zollhausboys“ auch Humor und Heiterkeit nicht zu kurz – so zeigten sie Beispiele dafür, dass die Begegnungen zwischen Alteingesessenen und Neubürgern durchaus mit einem Augenzwinkern gesehen werden können. Gerhard Stengert und Shvan Sheikho spielten eine Szene als Straßenbahnfahrgäste, und Pago Balke beleuchtete als Urgermane im Eisbärenfell die nur durch Gastfreundschaft überwindbaren Differenzen zwischen Altdeutschen und Römern. Dass Zungenbrecher auch völkerverbindend sein können, bewiesen Pago Balke und die „Zollhausboys“ mit Beispielen, und schließlich wurde das Publikum mit dem Vorlesen von Zitaten von der Rückseite der Eintrittskarten einbezogen.

Den Weg „Coming from Aleppo to Paradise“ beschrieb Ismaeel Foustok, begleitet von Gerhard Stengert am Marimbafon. Ihr allererstes Lied sangen die „Zollhausboys“ zum Schluss, vor den Zugaben. „Wie die Stadtmusikanten haben wir Zuflucht genommen und sind im Zollhaus angekommen. Es ist vielleicht nicht der Himmel auf Erden, doch wenn wir es wollen, kann es wunderbar werden“, heißt es in dem von Pago Balke getexteten und komponierten Song, den die Bandmitglieder überdies mit je einer kurdischen und einer arabischen Strophe anreicherten.

Quelle: kreiszeitung.de

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