Warnung vor großem Lockerungsfehler

„Kinderspiel zur 0 zu kommen!“ Expertin erklärt bei Anne Will entscheidenden Corona-Punkt

Für flächendeckende, verdachtsunabhängige Corona-Tests: Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut Göttingen
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Für flächendeckende, verdachtsunabhängige Corona-Tests: Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut Göttingen

Lockern oder nicht? Anne Will debattierte am Sonntag die offenen Fragen der Coronakrise. Wolfgang Kubicki empörte einige Zuseher - eine Expertin warnte eindringlich vor einer verpassten Chance.

  • Die Corona-Krise stellt die deutsche Politik und das Land zunehmend vor eine Zerreißprobe.
  • Die Bundesregierung muss zwischen Lockerungswünschen und Warnungen vor einer zweiten Infektionswelle navigieren.
  • Auch bei Anne Will im Ersten prallten am Sonntag sehr unterschiedliche Wahrnehmungen aufeinander.

Berlin - Auch lange Wochen nach Beginn der Corona-Epidemie in Deutschland gibt es noch viele offene Fragen. Die dieser Tage immer drängender zu werden scheinen: Die Politik lockert die Schutzmaßnahmen, während das Robert-Koch-Institut vor einer sich verschlechternden Infektionslage warnt. Und auf den Straßen demonstrieren - oft scheinbar ohne Rücksicht auf Pandemie-Gefahren - Menschen, denen die Einschränkungen noch wesentlich zu hart wirken.

Coronavirus: Anne Will debattiert Lockerungen - Physikerin warnt vor entscheidendem Fehler

Anne Wills ARD-Talk drehte sich am Sonntag (10. Mai) um genau diese Richtungsfragen. „Deutschland macht sich locker - ist das Corona-Risiko beherrschbar?“ lautete die Frage des Abends. Allerdings konnten die Zuseher in dieser Frage sehr unterschiedliche Gefühle beschleichen. Je nachdem, wem man denn gerade zuhörte.

Die Physikerin Viola Priesemann, tätig am Max-Planck-Institut, eröffnete die Runde mit der Warnung vor einem aus ihrer Sicht unnötigen Fehler. „Wir sind fast fertig, wir haben nur noch ein paar Infektionsherde - und wir gehen nach Hause“, erklärte sie mit Blick auf den aktuellen Lockerungskurs der Politik.

Priesemann forderte, die Zahl der Neuinfektionen noch weiter zu senken; so weit, bis sinnvolle Kontaktnachverfolgungen möglich seien. Zugleich seien flächendeckende Tests nötig. Die Frage sei nun, ob es das Ziel sei, das Virus tatsächlich unter Kontrolle zu bringen - oder ob man mit einer „chronischen“, flächendeckenden Variante leben wolle. Ob man lockert oder nicht, das sei nicht allein das Thema der Epidemiologie, räumte sie aber auch ein.

Coronavirus-Test: „Ein Kinderspiel, fast zu einer Null der Reproduktionszahl zu kommen

Für die Forschungsgruppen-Leiterin persönlich war die richtige Strategie in der Pandemie jedoch klar: „Wir brauchen flächendeckende Test - auch ohne spezifische Verdachtsfälle“, erklärte sie. Kubicki pflichtete ihr lächelnd bei. „Wir haben in Deutschland die Möglichkeit, wesentlich mehr Tests zu machen“, führte Priesemann weiter aus. Die Wirtschaft würde von Corona-Test profitieren und „das Wichtigste: Die Menschen bekämen wieder eine Sicherheit“. 

Wolfgang Kubicki und die Physikerin Viola Priesemann prägten am Sonntagabend die Debatte bei Anne Will.

Sie könne zwar gut verstehen, wenn mancher das zu anstrengend fände - „Aber wenn wir die Infektionsketten früh und konsequent nachverfolgen, dann ist es ein Kinderspiel, fast zu einer Null der Reproduktionszahl zu kommen!“, appellierte sie. Nicht ganz zur Null, aber immerhin fast. „Wir haben Reduktionsfaktor von Fünf bei Neuinfektionen. Wir wären locker von 1500 zu ein paar Hundert gekommen. Das Gesundheitsamt, ganz ohne App, hätte das tracken können“, ist Priesemann überzeugt.

Anne Will (ARD) zum Coronavirus: Kubicki äußert sich flapsig - und stößt auf Empörung im Netz

Wesentlich entspannter wollten die im Talk vertretenen Politiker die Lage sehen. In Rheinland-Pfalz gebe es seit mehreren Wochen zweistellige Infektionszahlen am Tag, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Unter diesen Voraussetzungen brächten auch Tests wenig - es gebe einfach kaum im medizinischen Sinne positive Ergebnisse. Zugleich müsse klar sein, dass einmalige flächendeckende Tests nichts bringen, fand die SPD-Politikerin. Gehe man diesen Weg, müsse man alle „ein, drei oder sieben Tage“ testen.

Auf heftige Kritik im Netz stießen die Äußerungen von FDP-Vize Wolfgang Kubicki. Er wisse gar nicht, was er mit der zuletzt gestiegenen „R-Zahl“ des Robert-Koch-Instituts anfangen solle, sagte er. Zuletzt habe diese Ziffer stark geschwankt - ihre Aussagekraft sinke zudem mit dem Verlauf der Epidemie. Er erlebe zugleich die Bürger etwa am Strand als sehr verantwortungsvoll. 

„Er weiß nicht, was man mit der Reproduktionszahl anfangen soll und versteht nicht, dass die Zahlen nicht live sind“, ärgerte sich angesichts dessen ein Zuseher auf Twitter. „Warum darf jemand so eklatant Uninformiertes sich zu solchen Themen äußern, liebe Redaktion von Anne Will“, lautete seine Frage - und brachte Likes im Dutzend ein. Allein stand der Kommentator mit diesem Zorn nicht. „Nicht-Wissen als Grundlage für eine Forderung nach Lockerungen“, spottete auf dem Kurznachrichtendienst auch der Bundestagsabgeordnete Matthias Hauer (CDU).

Anne Will: Ethikrat-Mitglied sieht große Probleme, Expertin bremst Hoffnung der Lockerungs-Befürworter

Peter Dabrock, langjähriges Mitglied des Deutschen Ethikrates, warnte vor anderen bedenklichen Tendenzen. Mit Blick auf kursierende Verschwörungstheorien betonte er, einen „Xavier“ oder „Attila“ - gemeint waren offenbar Xavier Naidoo und der TV-Koch Attila Hildmann, die sich zuletzt in teils kruder Weise zum Virus geäußert hatten - seien „nicht mehr einzufangen“. Dem Rest der Bürger im Land müsse man die Lage wieder begreiflich machen. Sonst stehe Deutschland vor großen Problemen.

Als „verheerend“ bezeichnete Dabrock auch die Pläne für einen Bundesliga-Neustart. Die Gesellschaft sei beim „Marathon“ Corona-Bekämpfung nun in der Phase „wo es weh tut“. Falsche Zeichen könnten nun die Solidarität bröckeln lassen. Zugleich drohe der Eindruck einer „Vorzugsbehandlung“ für die Profisportler.

Priesemann bremste später allerdings auch Hoffnungen auf eine schnelle Erholung der Wirtschaft durch die jetzigen Lockerungen. Man könne die Leute nicht zwingen, in die Restaurants zu gehen, merkte sie an. „Wir brauchen Vertrauen. Und dieses Vertrauen haben wir erst, wenn wir wirklich lückenlos die Infektionsketten nachverfolgen können.“ Es gebe jetzt noch die Chance, diesen Weg einzuschlagen.

Auch am 17. Mai debattiert Anne Will über die Corona-Krise - diesmal geht um die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen.

fn

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