„Sehen Sie das Virus irgendwo herumfliegen?“

Trotz europaweiter Corona-Krise: Ein Land unternimmt nahezu nichts - Präsident sagt: „Gibt hier kein Virus“

Die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie sind in ganz Europa spürbar. Ein Land will von Covid-19 jedoch überhaupt nichts wissen. Die autokratische Regierung von Weißrussland  leugnet die Gefahr.

Update vom 18. Mai 2020, 22.15 Uhr: Ausgerechnet: FDP-Chef Christian Lindner hat sich einen herben Fehltritt in Sachen Maskenpflicht geleistet - bei einer öffentlichen Umarmung mit dem Honorarkonsul Weißrusslands.

Update vom 7. April 2020, 18.40 Uhr: Nach Kritik an einem zu laschen Umgang mit der Corona-Pandemie lässt Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko die Lage in seinem Land von Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO begutachten. „Es gibt hier aber absolut keine Katastrophe“, sagte Lukaschenko am Dienstag in Minsk der Agentur Belta zufolge. Es gebe zwar einen Zuwachs an Infektionszahlen. „Das ist Gott sei dank aber nicht lawinenartig.“ Die Experten der WHO sollten den Bürgern zeigen, dass sie in dem Land sicher seien, die Regierung nichts verberge oder vertusche, sagte Lukaschenko.

In der autoritär geführten Ex-Sowjetrepublik wurden mit Stand Dienstag offiziell rund 860 Coronavirus-Fälle registriert. 13 coronainfizierte Menschen sind gestorben. Die Zahlen stiegen in dem osteuropäischen Land in den vergangenen Tagen rasant an. Die Führung in Minsk wurde national und international stark kritisiert, weil weiterhin Fußballspiele vor großem Publikum ausgetragen und kaum Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen wurden. Lukaschenko redete das Problem als „Psychose“ klein (siehe unten).

Trotz europaweiter Corona-Krise: Ein Land unternimmt nahezu nichts - Präsident: „Gibt hier kein Virus“

Minsk - Wegen des Coronavirus befindet sich die Welt derzeit in einem regelrechten Stillstand. Im stark von Covid-19 betroffenem Europa wurde das gesellschaftliche Leben nahezu lahmgelegt und vielerorts die Grenzen geschlossen. Europa spürt die Corona-Krise deutlich, doch Weißrussland will davon offenbar nichts wissen. 

Weißrussland: Alleinherrscher Lukaschenko: „Corona mit Vodka bekämpfen“

Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko bezeichnete die Pandemie zuletzt als eine „Psychose“, die Gefahr des Virus spielte er herunter. Gleichzeitig riet der Autokrat dazu, das Virus „mit Wodka, Saunagängen und Traktorfahren“ zu bekämpfen. Der 65-Jährige will von einer Ausbreitung der Krankheit nahezu nichts wissen. Auch wenn sich Belarus vor ein paar Tagen Hilfslieferungen aus China schicken ließ, lehnt er strenge Maßnahmen gegen Covid-19 weiterhin rigoros ab.

Die weißrussische Bevölkerung darf weiterhin nahezu uneingeschränkt zur Arbeit gehen, Schulen, Kitas und Universitäten sowie öffentliche Einrichtungen und Plätze bleiben geöffnet. Das trifft auch auf die Grenzen zu den Nachbarländern Russland, Ukraine, Polen, Litauen und Lettlandzu.

Corona in Weißrussland: Fußballspiele finden mit Publikum statt

Weißrussland ist zudem das einzige europäische Land, in dem die höchste Fußballliga aktuell nicht pausiert. Die Spiele finden weiterhin statt - mit Zuschauern. inmitten eines allgemeinen Lockdowns in Europa geben sich die Ostereuropäer als Insel der Freiheit. Man ist um Normalität bemüht.

Dicht beieinander jubeln Fußballfans während des Fußballspiels der belarussischen Meisterschaft zwischen Torpedo-BelAZ Zhodino und Belshina Bobruisk

Mittlerweile mehren sich zwar Stimmen aus Fan-Kreisen, die Liga ebenfalls zu pausieren, doch Lukaschenko hält an seinem rabiaten Kurs fest - wofür er gewissermaßen auch noch belohnt wird. Neue TV-Verträge und eine Vielzahl an Wetten spülen Geld in die klammen Kassen des Landes. 

Corona in Weißrussland: „Sehen Sie das Virus hier irgendwo herumfliegen?“

Am Rande eines Eishockeyspiels, bei dem Lukaschenko demonstrativ selbst auf dem Eis stand, machte er deutlich: „Es gibt hier keinen Virus. Oder sehen Sie es hier irgendwo herumfliegen? Also ich nicht.“ 

Lukaschenko erinnert in seinem Handeln an den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der zuletzt lächelnd weiter Hände schüttelte und die Gefahr des ansteckenden Virus ebenfalls leugnete. Es handle sich nur um eine „leichte Grippe“ und Covid-19 könne ihm nichts anhaben, da er ein „ehemaliger Athlet“ sei.  Mittlerweile hat Bolsonaro seine einseitigen Ansichten ein wenig geändert. Lukaschenko hingegen scheint von einer Kehrtwende noch weit entfernt zu sein.

Alexander Lukaschenko will vom Coronavirus nichts wissen.

Kritikern zufolge habe Lukaschenko vielmehr die Wirtschaft des Landes als die Gesundheit seiner Bevölkerung im Sinn. Der Autokrat fürchtet offenbar ein Einbrechen der nationalen Ökonomie. Da sich Belarus aktuell im Ölstreit mit Russland befindet, ist das weißrussische Bruttoinlandsprodukt aktuell ohnehin sehr angeschlagen.

Corona in Weißrussland: Wie viele Fälle gibt es wirklich? Stillschweigen angeordnet

Die Republik Belarus zählt Angaben der Johns-Hopkins-Universität zufolge bisher 440 Corona-Fälle, wovon fünf tödlich endeten (Stand: 05. April). Regierungskritikern zufolge gibt diese Zahl jedoch keinen Aufschluss auf die tatsächlichen Infizierten. Eine deutlich höhere Dunkelziffer wird erwartet. 

In jüngster Vergangenheit wandten sich einige Ärzte und Pfleger an die lokalen Medien, um von den tatsächlichen Zuständen in den Kliniken zu berichten. Diese seien nämlich weitaus höher als öffentlich kolportiert. Daraufhin verpasste ihnen die weißrussische Regierung einen Maulkorb, wie der regierungskritische Publizist Vladimir Matskevich gegenüber den Tagesthemen erklärt: „Den Ärzten hat man mit Entlassung gedroht und ihnen untersagt, sich mit Journalisten zu treffen und Informationen weiterzugeben.“

Ob Lukaschenko seine Meinung in Sachen Corona noch ändert, bleibt abzuwarten. Weißrussland war in der Vergangenheit nicht unbedingt für Veränderung bekannt - der Präsident ist seit 1994 im Amt.

as

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Rubriklistenbild: © dpa / Sergei Grits, Pool

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