„Das arbeitet jetzt in ihm“

„Politische Nahtoderfahrung“: Söder-Biografie gibt Einblick in dunkle CSU-Stunden - und wirft brisante K-Fragen auf

Markus Söder verlässt die Bühne bei der CSU-Wahlparty zur Landtagswahl 2018.
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Wahlabend 2018: Markus Söder verlässt die Bühne bei der CSU-Wahlparty - vorausgegangen war eine „politische Nahtoderfahrung“.

Vor nicht allzu langer Zeit war Markus Söder nicht Pandemie-Held - sondern stand am politischen Abgrund. Eine aktualisierte Biografie gibt Einblicke. Und wirft heikle Fragen auf.

München - Hat Corona wirklich alles verändert, so, wie es manchmal zu lesen ist? Nüchtern betrachtet sind Fragezeichen erlaubt. Aber für einen könnte die These durchaus zutreffen: Markus Söder hat die Pandemie in neue Sphären katapultiert. Gewissermaßen als „Bavaria One“ befindet sich der CSU- und bayerische Landeschef zumindest in einer medialen Umlaufbahn ums Kanzleramt - als vielleicht wichtigster Corona-Protagonist neben der Kanzlerin. Und als vermeintlicher oder mutmaßlicher Anwärter auf ihre Nachfolge.

Atemlose Zeiten sind das, nicht nur, aber auch für Söder. Manchmal ist da ein etwas tieferer Blick aufschlussreich. Schon Anfang 2018 hatten die Journalisten Roman Deininger und Uwe Ritzer eine (unauthorisierte) Söder-Biografie vorgelegt. Damals war unter anderem Erhellendes über die schwierige Historie Söders mit seinem Vorgänger Horst Seehofer zu erfahren - kaum zu glauben: Damals war Seehofer noch fast ein Jahr lang CSU-Chef.

Nun gibt es eine aktualisierte Neuauflage des Buches. Der Titel: „Der Schattenkanzler“ (Droemer Knaur, 18 Euro). Die bringt neben einem Überblick über den politisch wilden Ritt der (Söder-)CSU durch die vergangenen drei Jahre und kleine Einblicke hinter die Kulissen von Söders Arbeit als Ministerpräsident vor allem durchaus brisante Fragen in Punkto Kanzlertauglichkeit an den Mittelfranken aufs Tapet. Und liefert, ganz zum Schluss, die Antwort, ob Söder denn überhaupt Kanzler werden will - wenn er es denn selbst schon weiß...

Markus Söder: CSU-Chef berichtet von „politischer Nahtoderfahrung“ - Startschuss für eine Wandlung?

Das Buch der beiden Autoren der Süddeutschen Zeitung wirft in jedem Fall ein durchaus (wieder-)erhellendes Schlaglicht auf einen durch Corona fast in Vergessenheit geratenen Fakt: Söder startete im März 2018 nicht als Star in der Staatskanzlei - sondern als Amtsneuling in Nöten. Der Landtags-Wahlkampf lahmte, die CSU begab sich auf einen für viele irritierenden Kuschelkurs mit der AfD. Söder steuerte erst spät und plötzlich gegen. Auch im zerstörerischen Asyl-Streit der CSU mit der Kanzlerin handelte der Ministerpräsident lange ambivalent.

Es war wohl eine Wende in letzter Sekunde - wie Söder selbst bekennt. „Das war für mich eine politi­sche Nahtoderfahrung. Die Wahrscheinlichkeit war nicht ge­ring, dass ich der Ministerpräsident mit der kürzesten Amts­zeit werden könnte“, sagt Söder selbst den Autoren. Und übt Selbstkritik. „In diesem Wahl­kampf habe ich gelernt, dass Bayern sich fundamental verän­dert hat. Wir waren nicht überall in der Mitte der Gesellschaft.“ Das musste sich damals offenbar aber zuvor erst auf Münchens Straßen zeigen. Mittlerweile erinnert die CSU selbst gerne an ihre Wandlung.

Söder und die ergrünte CSU: Der Moment, als der Ministerpräsident das Smartphone weglegte

Klar aufbereitet ist auch: Viele der aktuellen Söder‘schen Markenkerne kamen erst im Laufe der vergangenen zwei Jahre hinzu - eine „Nahtoderfahrung“ soll ja schon des Öfteren Menschen verändert haben. Da wäre der betont seriös-staatstragende Abstand zu Rechtsaußen - die offensive Ergrünung der CSU nach dem Bienen-Volksbegehren. Ein „erfahrener CSU-Mann“ fällt im Gespräch mit Deininger und Ritzer ein klares Urteil: Söder habe sich im übertragenen Sinne für jedes Amt „einen neuen Anzug“ schneidern lassen. Manchmal sogar für jede politische Großwetterlage. Das gilt allerdings nicht nur für die vergangenen Jahre.

Eine amüsante Anekdote liefert das Buch zum Sinneswandel Söders in Sachen Bienen-Begehren. CSU*-Kenner datierten den Moment des Söder‘schen Umdenken auf eine Sitzung des Partei-“Arbeitskreises Umwelt“ im Januar 2019, heißt es. „Dem Ver­nehmen nach wirkte er gut unterhalten – von den Dingen, die er auf seinem Handy erledigte, während die Umweltpolitiker seiner Partei über Klimaschutz sprachen und über das nahende Volksbegehren ‚Rettet die Bienen‘“. Dann habe der verdiente CSU-Franke und AK-Ehrenvorsitzende Josef Göppel das Wort an Söder gerichtet: „‘Über eines musst du dir im Kla­ren sein …‘ Söder, so bezeugen es Teilnehmer, legte das Handy beiseite“, schreiben Deininger und Ritzer.

Bezeichnender Titel? „Der Schattenkanzler“ heißt eine aktualisierte Biografie Markus Söders.

Genau diese inhaltliche Wandelbarkeit machen die beiden zu einer Hauptfrage der neu hinzugekommenen Biografie-Kapitel. „Die CSU ist ein Spiegelbild von Bayern. Wenn Bayern sich verändert, muss sich auch die CSU verändern.«, erinnern sie an ein vielsagendes Söder-Zitat. Die CSU müsse stets den „Mehrheitswillen“ der Bevöl­kerung „annehmen“, habe Söder* zudem 2019 einmal bemerkt. „Wenn man bedenkt, dass in der Geschichte der Menschheit auch Mehrheiten schon auf dumme Ideen kamen, ist das ein krasser Satz“, geben Deininger und Ritzer zu bedenken.

Söder und die Grünen: Schulze stichelt - „Müsste ein Politiker nicht ein paar Überzeugungen haben?“

Zu Kronzeugen dieser Sorge werden dabei interessanterweise vor allem Grünen-Politiker - Vertreter jener Partei also, die Söder längst als Hauptkonkurrenten ausgemacht hat. Und die, rein hypothetisch, wohl Partner in einer Bundesregierung Söder wäre.

Bayerns Grüne-Fraktionschefin Katharina Schulze etwa bewertet in dem Buch Söders Handeln im Umweltschutz als „nicht entschlossen genug“ und eher „flatterhaft“. „Müsste ein Politiker nicht ein paar Überzeu­gungen haben? Was waren die zwei, drei Themen, wegen de­nen er vor vielen Jahren in die Junge Union gegangen ist?“

Kann Söder Kanzler werden? Özdemir meldet in Biografie Bedenken an

Auch mit Söders Wandel im Umgang mit der AfD geht Schulze hart ins Gericht. „Was ich verstörend finde: Was wäre pas­siert, wenn Söders rechtsgerichteter Wahlkampf verfangen hät­te? Hätte er das dann weiter so durchgezogen? Ich bezweifle, dass er dann heute Bäume umarmen würde.“ Es habe sich lediglich um eine „kühle Abwägung“ gehandelt.

Schulzes Parteifreund Cem Özdemir äußert unterdessen kleinere Zweifel an Söders grundsätzlicher Kanzler-Tauglichkeit. „Es gäbe sicher Zweifel, ob ein CSU-Kandidat wie Söder das Land wirklich einen kann“, meint er im Gespräch mit den Autoren. „CSU-Kandidaten eignen sich immer auch gut für eine Gegen­mobilisierung. Das wäre wahrscheinlich das Gegenteil des ein­lullenden Merkel-Wahlkampfes.“

Will Söder Kanzler werden? „Ja, unbedingt!“ - doch es folgt ein „Aber“

Und will Söder denn nun Kanzler anstelle der Kanzlerin werden? „Natürlich schmeichelt ihm das“, sagt ein „Wegbegleiter“ des CSU-Granden den Buchautoren mit Blick auf den K-Hype um Söder, „das arbeitet jetzt in ihm“. Sicher ist sich die Quelle aber auch: „Ja, unbedingt!“ wolle Söder Kanzler werden. Nur ob er sich eine Auseinandersetzung um die Kandidatur traue, da ist sie sich nicht so sicher.

Es bleibt also dabei: Auch eine nächste Biografie-Aktualisierung in zweieinhalb Jahren könnte unerwartete Volten zum Thema haben. Mit Blick auf den Vorwurf der allzu großen politisch-inhaltlich Biegsamkeit und die verbundenen Zweifel an Söders Befähigung fürs Kanzleramt haben Deininger und Ritzer „aus dem Söder-Lager“ allerdings eine knackige Gegenfrage notiert: „Regiert Angela Merkel* dieses Land nicht seit 15 Jahren mit erstaunlicher Biegsamkeit?“ (fn) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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