Interview vor DFB-Pokal-Match gegen Regensburg

„Ich sehe Kohfeldt auf Dauer in Bremen“ - TV-Experte Stefan Effenberg im Interview über Trainer-Pläne und die Ruhe bei Werder Bremen

TV-Experte Stefan Effenberg glaubt, dass Florian Kohfeldt über die Saison hinaus Trainer beim SV Werder Bremen bleibt.
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TV-Experte Stefan Effenberg glaubt, dass Florian Kohfeldt über die Saison hinaus Trainer beim SV Werder Bremen bleibt.

Regensburg – Wenn Werder Bremen heute Abend beim SSV Jahn Regensburg um den Einzug ins DFB-Pokal-Halbfinale kämpft, wird auch Ex-Profi Stefan Effenberg ganz genau hinsehen – als TV-Experte für den übertragenden Sender Sport 1. Im Vorfeld der Partie hat der 52-Jährige mit uns über Werders Entwicklung, die Perspektiven von Trainer Florian Kohfeldt sowie über seinen Fast-Wechsel nach Bremen aus dem Sommer 1995 unterhalten. 

Herr Effenberg, wie groß ist die bundesweite Strahlkraft von Werder Bremen auf einer Skala von eins bis zehn?

Puh, das ist schwer zu sagen. Aber über Werder Bremen wird immer geredet – im positiven wie im negativen Sinne. Natürlich muss man bei positiven Aspekten viel in die Vergangenheit schauen. Aber auch in der letzten Saison, in der sie sich ja sehr, sehr schwer getan haben, hat der Verein eine große Strahlkraft gehabt. Es ist eben Werder Bremen, der Verein hat viele Erfolge gefeiert. Aber ich bewundere den Club nach wie vor.

Und wofür?

Dass sie Ruhe bewahren und nicht hektisch agieren. Das hat sich in der letzten Saison dann ja auch bezahlt gemacht in der Trainerfrage.

Vor DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Jahn Regensburg: Warum Stefan Effenberg den SV Werder Bremen bewundert

Das haben in Bremen nicht alle gut gefunden, diese Ruhe.

Aber der Eindruck für mich und andere Außenstehende war ja, dass der Vorstand trotz der wöchentlichen Trainerfrage Ruhe bewahrt hat und das auch so kommuniziert wurde. Und hinten raus war es dann der entscheidende Faktor, um die Klasse zu halten.

Aber reicht es für einen Verein wie Werder, nur von den Erfolgen der Vergangenheit zu leben?

Nein, aber Werder Bremen ist ja nach wie vor noch in der Bundesliga, da hat es ja auch andere Beispiele gegeben. Und sie gehen nicht in die Saison, um in den Europapokal zu kommen. Der Verein weiß mittlerweile, wo er hingehört. Und das ist nun mal maximal das Mittelfeld. Und das wird sich in den kommenden Jahren, auch durch Corona, nicht groß ändern. Aber dann muss man an seiner Philosophie schrauben und andere Aspekte in den Fokus rücken. Aber noch mal zur Vergangenheit: Ist doch toll für Werder, dass man überhaupt mal große Erfolge gefeiert hat. Ich weiß als Spieler von Gladbach und Bayern, dass wir uns oft um die Titel gekabbelt haben. Und jetzt hat der Verein die große Chance, in das Pokal-Halbfinale einzuziehen.

Sie sagen, Werder muss an seiner Philosophie schrauben. Was könnte das bedeuten?

Der Verein muss die Priorität auf die Nachwuchsarbeit legen, sieben, acht oder zehn Millionen Euro für Neuzugänge sind ja nur noch schwer möglich. Aber das ist ja nicht verkehrt, denn die Ruhe, die der Verein ausstrahlt, ist mit Sicherheit ein Argument, um Talente zu verpflichten. Das hat viele in Deutschland beeindruckt, sich in solch einer schwierigen Situation wie im letzten Jahr nicht nervös machen zu lassen. Und wenn sie nervös waren, haben sie es sich zumindest nicht anmerken lassen.

Welcher Bremer Spieler macht Ihnen derzeit am meisten Freude?

Josh Sargent hat eine gute Entwicklung genommen. Er war in Stuttgart gesperrt, sein Fehlen ist gleich aufgefallen. Der Junge hat in der Bundesliga und im Pokal getroffen, mit ihm hat Werder schon eine gewisse Durchschlagskraft. Aber entscheidend ist, dass sich die Mannschaft defensiv stabilisiert hat. Ich vergleiche Werder Bremen ja nicht von Woche zu Woche, sondern eher im Jahres-Rhythmus. Die Mannschaft hat sich deutlich stabilisiert. Auch wenn sie in der Bundesliga noch nicht gerettet ist. Deshalb wäre ein Sieg im Pokal jetzt extrem wichtig.

Welchen Stellenwert hat das Spiel in Regensburg?

Es ist auch für die Liga richtungsweisend. Wenn du verlierst, wovon ich allerdings nicht ausgehe, kann das schlimme Folgen für den Abstiegskampf haben. Es ist ein enorm wichtiges Spiel. Und weil es ein Pokalspiel ist, gilt für mich: Nicht wie man so ein Spiel gewinnt ist wichtig, sondern dass man es gewinnt. Da geht’s nicht darum, ob es gute Ansätze gibt. Nein, in Regensburg geht es nur darum, als Sieger wieder nach Hause zu fahren.

Verfolgt das DFB-Pokal-Viertelfinale des SV Werder Bremen gegen Jahn Regenburg im Live-Ticker der DeichStube!

Werder Bremen gegen Jahn Regensburg im DFB-Pokal: Stefan Effenberg glaubt an Werder-Sieg

Sie glauben an einen Werder-Sieg?

Ja, da bin ich mir schon sicher. Sie haben diese Stabilität zurück gewonnen. Und sie stehen in der Liga nicht unter dem Druck, bei der nächsten Niederlage auf einem Abstiegsplatz zu stehen. Außerdem hat Werder viel mehr Qualität.

Das ist ja immer so, wenn ein Bundesligist auf einen Zweitligisten trifft.

Ja, deshalb sind die ersten 20, 30 Minuten meistens entscheidend. Am besten ist dann eine frühe Führung, dann ist die Moral bei der anderen Mannschaft schnell im Keller und du hast als Bundesligist die Kontrolle.

Lassen Sie uns noch mal über die Bedeutung DFB-Pokal sprechen. Sie haben 1995 mit Gladbach überraschend den Pokal gewonnen.

Ja, das war ein echter Schub für den Verein, die nächsten Schritte gehen zu können. Damals wurde gerade das neue Stadion geplant. Wir waren dann plötzlich international vertreten, es gab mehr TV- und Werbegelder. Der Pokalsieg hat dem Verein so richtig in die Karten gespielt.

Dabei hätten Sie in der Saison damals eigentlich für Werder Bremen spielen sollen.

Ja, das ist richtig. Die Verhandlungen waren sehr, sehr weit. Willi Lemke ist damals nach Florenz geflogen, um den Transfer mit meinem Verein einzutüten. Otto Rehhagel wollte mich unbedingt haben und ich war echt nicht abgeneigt. Aber es ist damals gescheitert, weil sich die Verhandlungen verzögert haben. Und da war dann Gladbachs Manager Rolf Rüssmann schlichtweg entschlossener und hat schnell Entscheidungen getroffen, die Willi Lemke nicht treffen konnte.

Ist es denn für Werder-Fans erlaubt, jetzt schon mal an einen Pokalsieg zu denken, wenn im Halbfinale Leipzig und im Finale womöglich Dortmund warten würden?

Ich könnte jetzt sagen, dass im Pokal immer alles möglich ist. Und die Heim-Statistik gegen Leipzig für Werder auch positiv ist. Aber eigentlich sehe ich das Finale Leipzig gegen Dortmund vor mir. Dem würden wohl 90 Prozent aller Fans zustimmen. Aber noch sind die Spiele ja gar nicht gespielt.

Stefan Effenberg glaubt an Verbleib von Trainer Florian Kohfeldt beim SV Werder Bremen

Florian Kohfeldt galt lange als Trainer-Kandidat für Gladbach. Hätte das aus Ihrer Sicht Sinn gemacht?

Darüber möchte ich gar nicht reden, das wäre ja alles nur Spekulation. Florian Kohfeldt hat in Bremen ein sehr gutes Umfeld, ist schon seit vielen Jahren da und fühlt sich offenbar wohl. Wer weiß, vielleicht schlägt er einen Weg wie Thomas Schaaf ein und prägt den Club über viele, viele Jahre. Das ist ja durchaus möglich.

Für Kohfeldt stellt sich womöglich die Frage: Weiter ein sicheres Umfeld mit geringen finanziellen Möglichkeiten, oder den Sprung in ein neues Umfeld wagen?

Das ist wichtig, dass er für sich diese Frage klärt. Und er weiß, dass er auch in einer sehr schwierigen Situation den Rückhalt der Führung hatte. Jetzt liefert er zurück mit einer ordentlichen Saison. Natürlich weiß er, dass Werder nicht die großen Ambitionen und Möglichkeiten hat. Aber darum geht es ja auch nicht immer für einen Trainer. Es gab ja schon Trainer, ich habe das ja selbst erfahren müssen, die woanders große Dinge wollten und danach sagten: Mensch, hätte ich das lieber nicht gemacht. Ich sehe Kohfeldt auf Dauer eher in Bremen als anderswo.

Das Interview führte Mathias Sonnenberg

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