„Für mich zählt jedes einzelne Leben“

NDR-Virologin Ciesek warnt vor Verharmlosung des Coronavirus - Ein Punkt im Interview löst Protestwelle aus

Virologin Sandra Ciesek
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Virologin Sandra Ciesek gibt Einschätzungen zum Coronavirus in Deutschland. „Für mich ist das eine ethische Frage“ (Archivbild)

NDR-Virologin Sandra Ciesek spricht über die neuesten Corona-Studien, ihre persönlichen Erfahrungen in Italien und warum Männern ein schwererer Verlauf droht.

  • Im Spiegel-Interview spricht die Virologin Sandra Ciesek über die neuesten Entwicklungen um das Coronavirus*
  • Sie warnt eindringlich vor einer Verharmlosung der Gefahren
  • Auf Twitter sorgt das Interview unterdessen unter dem Hashtag #frauenquote für große Proteste

München - Die Coronavirus-Zahlen steigen in ganz Europa weiter an und auch Deutschland hat immer öfter Rekordzahlen zu vermelden. Um die Entwicklungen einzuordnen, sind Virologen während der Pandemie zu unseren ständigen Begleitern geworden: ob in den Schlagzeilen, in Fernseh-Talkshows oder in Podcasts. Für seine Aufklärungsarbeit zum Coronavirus wurde Christian Drosten jetzt sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Mit Drosten im Wechsel, ist seit September auch Virologin Sandra Ciesek regelmäßig im NDR Podcast zu hören. Als Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt weiß Ciesek wovon sie spricht. Sie unterrichtet an der Goethe-Universität und ist neuerdings im Vorstand der Gesellschaft für Virologie. In einem kontroversen Interview mit dem Spiegel spricht sie über die neuesten Studien und Entwicklungen.

Virologin warnt vor Coronavirus-Verharmlosung und erinnert an Horror-Szenarien in Italien

Ihr klares Motto dabei: Todesfälle dürfen nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden, Wirtschaft hin oder her. „Für mich zählt jedes einzelne Leben“ erklärt die Professorin bestimmt. Die Frage nach einschränkenden Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus ist für Ciesek eine ethische. „Ist jeder Einzelne bereit, sich einzuschränken, damit möglichst wenige Menschen an Covid-19 versterben?“

Mahnend, erzählt die Virologin von ihren persönlichen Erfahrungen in Italien. Hier hatte das Virus besonders hart eingeschlagen. Wir erinnern uns nur an die schockierenden Bilder aus Bergamo, wo im März massenweise die Särge der Coronavirus-Toten von einem Laster der italienischen Armee abtransportiert werden musste. „Dort haben so viele Menschen jemanden in ihrer Familie verloren, viele stehen noch regelrecht unter Schock.“ Auch steigen die Zahlen gerade wieder drastisch. Die Virologin warnt davor über die Gefahren des Virus hinwegzusehen. Es sei „wirklich ermüdend, wie das Standardwissen über die Gefährlichkeit des neuartigen Coronavirus wieder und wieder angezweifelt wird.“ Schließlich steigen auch in Deutschland gerade die Todeszahlen an.

Virologin zu Corona in Deutschland: Darum ist Dänemark ein gutes Beispiel

Ein gutes Beispiel für Deutschland, direkt aus der Nachbarschaft, könnte Dänemark sein. Sandra Ciesek betont wie gut die Maßnahmen dort zuletzt geholfen haben. Tatsächlich konnte in Dänemark der starke Anstieg der Fallzahlen gebremst werden. Die dänischen Maßnahmen ähneln übrigens sehr den neuen, für Bayern beschlossenen Regularien: Die Restaurants und Bars schließen um 22 Uhr, es gibt eine Mundschutzpflicht in bestimmten Bereichen, Feiern und Versammlungen mit über 50 Personen sind untersagt.

Neue Studie zum Coronavirus: Darum droht Männern eher ein schwerer Krankheitsverlauf

Neben ihrer „Safe Kids Studie“ zur Virus-Verbreitung in Kitas, spricht Ciesek im Interview aber auch über eine Studie ihres Kollegen Jean-Laurent Casanova von der Rockefeller University. Die warnt vor allem Männer vor einem schweren Krankheitsverlauf. Bei Patienten mit einem solchen Verlauf seien nämlich spezielle Autoantikörper festgestellt worden. Die sind besonders bei Männern in vorhanden. „Das könnte erklären, warum sie deutlich häufiger schwere Verläufe erleiden als Frauen.“

„Quotenfrau“ - Massive Kritik am Spiegel-Interview mit Sandra Ciesek: Virologin meldet sich zu Wort

Das Spiegel-Interview mit Sandra Ciesek sorgte allerdings nicht wegen der fachlichen Einschätzungen oder Informationen für Aufsehen. Im Internet und besonders auf Twitter sorgten vielmehr die Fragestellungen der Autorinnen (Veronika Hackenbroch und Rafaela von Bredow) für einen regelrechten Shitstorm. Diese leiteten das Gespräch ausgerechnet mit der Frage „Ihnen ist klar, dass Sie die Quotenfrau sind?“ ein und bezeichneten den Stil ihres Podcast als „Volkshochschule“. Viele fragen sich: warum muss hier zuerst das Geschlecht und nicht die Expertise der Virologin thematisiert werden? Nach den immer lauter werdenden Protesten meldete sich auch Ciesek selbst zu Wort.

Auch die Soziologin Jutta Allmedinger ärgerte sich über die „unterirdischen Fragen“ im Interview. Ihr pflichten nicht nur verschiedenste Autorinnen, Politikerinnen und Journalistinnen bei: tausende Nutzer sind wütend. Unter dem Hashtag #quotenfrau äußern sie sich in über 1.800 Tweets zum Thema. Zukünftig wird Sandra Ciesek wohl nicht mehr nur als die „Frau an Drostens Seite“ wahrgenommen, sondern für ihr Fachwissen anerkannt. *Merkur.de ist Teil des deutschlandweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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