Keine Lösung?

Herdenimmunität in erster Stadt offenbar erreicht - doch der Preis dafür ist äußerst hoch

Menschen spazieren auf den vollen Straßen der brasilianischen Stadt Manaus.
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Womöglich gibt es in Manaus nun Herdenimmunität gegen das Coronavirus.

Die brasilianische Stadt Manaus könnte in der Corona-Pandemie Geschichte schreiben. Eine Studie lässt vermuten, dass dort Herdenimmunität erreicht sein könnte – mit hohem Tribut.

  • Manaus könnte die weltweit erste Herdenimmunität gegen das Coronavirus entwickelt haben.
  • In der brasilianischen Stadt waren bereits rund 66 Prozent der Menschen infiziert.
  • Doch die ungewöhnliche Entwicklung hat sehr viele Opfer gefordert.

Manaus - Auf den ersten Blick sieht es aus, als wäre ein Pandemie-Wunschtraum wahr geworden. Denn die brasilianische Stadt Manaus könnte eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus entwickelt haben. Doch beleuchtet man den Fall genauer wird schnell deutlich: Die wunderliche Errettung hatte einen extrem hohen Preis.

Seit März wütet die Covid-19-Pandemie* auch in Brasilien. Nach den USA und Indien ist es das Land mit der weltweit dritthöchsten Zahl an Fällen. Über 142.000 Menschen sind dort in den vergangenen Monaten an dem Virus verstorben. Auch Manaus war von dieser Situation keine Ausnahme. Die Stadt im Amazonasgebiet wurde schwer gebeutelt, vor allem im Frühjahr explodierten die Zahlen. Doch dann sanken sie wieder - und das ohne spezielle Maßnahmen. Wie lässt sich das erklären?

Erfüllung eines Pandemie-Traums? Manaus hat womöglich Herdenimmunität erreicht

Womöglich hat die Millionenstadt eine Herdenimmunität erreicht. Das vermutet zumindest ein internationales Forscherteam in einer neuen Studie, die vor einigen Tagen auf dem Preprintserver medRxiv hochgeladen wurde. Die Experten haben für ihre Untersuchung tausende Blutproben von Blutspendern aus Manaus und São Paulo auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 getestet und konnten so zeigen, wie viele von ihnen bereits mit dem Virus infiziert waren.

Die Autoren der Studie legen dar, dass rund 66 Prozent der Einwohner von Manaus das Coronavirus bereits gehabt haben müssen und damit zumindest vorübergehend immun sind.* Diese Quote ist hoch genug, um von Herdenimmunität sprechen zu können. Das bedeutet, dass das Virus innerhalb dieser spezifischen Gruppe nicht mehr genügend Opfer für eine Ansteckungskette findet. Die Studie ist von Fachkollegen noch nicht überprüft worden, die Ergebnisse sind damit vorläufig. Dennoch ist die Analyse bemerkenswert.

Herdenimmunität in Manaus: Doch der Preis für die Stadt war brutal hoch

Sollten die Fachleute aber Recht behalten wäre allerdings auch klar: Der Preis für diese Herdenimmunität war enorm. Denn laut Erklärungen der Forscher sind über 4000 Menschen in Manaus gestorben, eine nicht genau benennbare Zahl war schwerkrank und leidet potenziell noch Jahre unter schlimmen Spätfolgen.

Die Studie gibt eindrucksvoll Einblick in das, was geschehen kann, wenn man dem Virus weitestgehend freie Bahn lässt - ohne Schutzmaßnahmen und Regeln. Doch die Autoren warnen selbst, die Ergebnisse könnten nicht einfach auf andere Kontexte übertragen werden. Zu unterschiedlich seien regionale und lokale Unterschiede in Bezug auf „Demografie, Verhalten, Infektionsanfälligkeit sowie Umsetzung und Einhaltung von nicht-pharmazeutischen Maßnahmen“.

Corona-Pandemie: Klare Worte von der WHO - Herdenimmunität ist keine Lösung

Auch die Covid-19-Beauftragte der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Maria van Kerkhove, betonte kürzlich, die Weltbevölkerung könne nachhaltig vor dem Coronavirus nur durch umfangreiche Impfungen geschützt werden. Es sei keine Option, auf eine umfangreiche Immunität dadurch zu hoffen, dass sich möglichst viele Menschen mit dem Erreger infizieren. Dafür müssten sich sehr viele Menschen infizieren, viele würden schwer krank und müssten in Krankenhäuser. „Herdenimmunität auf natürlichem Wege zu erreichen ist gefährlich, weil viele Menschen sterben würden“, sagte sie.

„Es gibt keine einzige Infektionskrankheit, die unter Kontrolle gebracht wurde, indem man auf natürliche Immunität gesetzt hat“, unterstrich auch WHO-Chef-Wissenschaftlerin Soumya Swaminathan.

Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach ist kein Anhänger der Herdenimmunität.

Herdenimmunität bedeutet keinen dauerhaften Schutz - Droht Manaus dennoch die zweite Welle?

Noch etwas gilt es zu bedenken: Es steht keineswegs fest, dass die mögliche Herdenimmunität auch bestehen bleibt. Einige Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass die Antikörper aus dem Blut von ehemaligen Infizierten auch wieder verschwinden. Das haben auch die Forscher in Brasilien beobachten können. Eine zweite Ansteckungswelle* kann für die Zukunft demnach nicht ausgeschlossen werden. Ein Modell zum Nachahmen ist Manaus also in keinem Fall. (mam/dpa) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

Im Video: Das Robert Koch-Institut riet von einer Durchseuchung schon vor Monaten ab

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