„Das Wunder von Bern“

Corona-Wende in der Schweiz: Infektionszahlen sogar ohne Lockdown im Sinkflug - doch Experte warnt

Obwohl die Schweiz im Gegensatz zu den meisten europäischen Nachbarländern auf einen harten Corona-Lockdown verzichtet, sinkt die Zahl der Neuinfektionen drastisch. Experten rätseln - doch es gibt auch Warnungen.

Bern - Rund 10.000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus* gab es in der Schweiz noch Anfang November jeden Tag. Wie viele andere europäischen Länder bekam auch das deutsche Nachbarland die sogenannte zweite Welle* zu spüren. Doch inzwischen scheint die Wende einzusetzen: Wenige Wochen später hat sich diese Zahl mehr als halbiert. Am Dienstag (1. Dezember) meldete das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) nur noch 3802 neue Fälle.

Corona-Wende in der Schweiz - Sinkende Fallzahlen auch ohne Lockdown

Dieser rapide Sinkflug der Neuinfektionen ist zu beobachten, obwohl das deutsche Nachbarland diesmal im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern auf einen harten Lockdown verzichtet. Einschränkende Maßnahmen gibt es zwar, doch greifen diese weitaus weniger in das soziale Leben der Bürger ein, als das beispielsweise in Deutschland aktuell der Fall ist. So sind Bars und Restaurants mit Einschränkungen der Personenanzahl bis 23 Uhr geöffnet. Veranstaltungen mit bis zu 50 Personen sind erlaubt - ebenso Freizeitaktivitäten mit bis zu 15 Personen. Lediglich einzelne Kantone haben situationsbedingt strengere Regeln erlassen. Welche Mindestmaßnahmen derzeit für die Schweiz gelten, ist in der Abbildung des BAG zu sehen.

Die Abbildung zeigt, welche Mindestmaßnahmen zurzeit in der ganzen Schweiz gelten.

Corona-Wende in der Schweiz - Mediziner rätseln über sinkende Neuinfektionen

Die Frage, warum die Fallzahlen trotz dieses lockeren Corona-Kurses sinken, stellt selbst Experten vor ein Rätsel. „In der Tat können wir uns diesen rapiden Abfall [...] nicht so gut erklären“, gibt der Mediziner und Hygiene-Experte Dr. Georg-Christian Zinn vom Zentrum für Hygiene und Infektionsprävention in einem Interview mit RTL zu. In den Medien war sogar bereits vom „Corona-Wunder von Bern“ die Rede. Ähnliche Schlagzeilen machte kürzlich Madrid in der Corona-Krise. Auch die spanische Hauptstadt verzeichnete trotz voller Restaurants sinkende Infektionszahlen.

Einen Grund für die positive Entwicklung vermutet Zinn im Verhalten der Bevölkerung: „Ein Erklärungsversuch wäre, dass sich die Schweizer mittlerweile sehr gut an die Corona-Regeln ohne feste Lockdown-Order halten“, erklärte der Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin.

Sinkende Corona-Zahlen in der Schweiz: Mediziner will keine Entwarnung geben

Gemessen an der Einwohnerzahl verzeichnet die Schweiz im Vergleich zu Deutschland aber immer noch deutlich höhere Infektionszahlen. David Nabarro, der Covid-Beauftragte der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die ihren Sitz in Genf hat, sagte kürzlich den Zeitungen des Medienunternehmens CH-Media: „Es überrascht mich, dass es nicht als nationaler Notstand behandelt wird“. Die 7-Tages-Inzidenz* liegt in der Schweiz mit 348 rund zweieinhalb mal so hoch wie in Deutschland. Ähnliches gilt für die Zahl der Todesopfer. Auch die liegt mit 46,6 pro 100.000 Einwohnern deutlich höher als etwa in Deutschland.

Ob sich die Werte im Laufe der Zeit angleichen werden, scheint derzeit offen. Außerdem muss laut Zinn die Entwicklung der Fallzahlen in der Vorweihnachtszeit in der Schweiz und im nach wie vor stark betroffenen Österreich beobachtet werden. „Wir müssen da wirklich abwarten, ich glaube dafür, Entwarnung zu geben, ist es noch zu früh“, wird der Mediziner zitiert. (va) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Rubriklistenbild: © Peter Klaunzer/KEYSTONE/dpa

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