74 Infektionen an drei Abenden

Corona-Studie von Drosten-Team: So wurde ein Nachtclub zum Superspreader-Event - mit Folgen für Europa

Zwei Bar-Gäste stoßen mit ihren Gläsern an
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Hoch die Tassen! Gemütliches Beisammensein in Bars und Nachtclubs ist in der Corona-Pandemie nicht möglich.

Bars und Nachtclubs gelten als potenzielle Virenschleudern in der Corona-Pandemie. Nun offenbart eine Studie, wie eine Location in Berlin auch Auswirkungen auf andere Länder hatte.

  • In der Corona-Pandemie geht besondere Gefahr von sogenannten Super-Spreadern aus.
  • Eine neue Studie legt offen, wie sich das Virus in einem Berliner Nachtclub folgenschwer ausgebreitet hat.
  • Die Untersuchung der Fälle offenbart eine genetische Ähnlichkeit zu Infektionen im Ausland.

München - Großraumbüros? Klassenräume? Kirchen? Öffentliche Verkehrsmittel? Restaurants? Oder doch die eigenen vier Wände? Seit Monaten - ja, mit dem ersten Lockdown im März - rätselt die Welt, welche Umgebung die Verbreitung von Sars-CoV-2* besonders begünstigt. Oder um es anders auszudrücken: Wo ist die Gefahr von Superspreader-Events besonders groß?

Dieser Frage ist ein Forscher-Team aus Berlin um den mittlerweile allgegenwärtigen Virologen Christian Drosten in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden und dem Robert-Koch-Institut* nun auf den Grund gegangen. Die Studie muss zwar noch von unabhängigen Experten bestätigt werden, damit sie offiziell anerkannt wird. Das höchst interessante Ergebnis präsentiert das Team aber schon jetzt.

Corona-Studie zu Nachtclubs: Viel Alkohol, wenig Abstand und kaum Lüftungsmöglichkeiten

Drosten und Co. haben sich dabei auf die Rolle der Bars und Nachtclubs konzentriert. Schließlich dürfte sich das Coronavirus hier pudelwohl fühlen: Denn wo Alkohol fließt, fallen die Hemmungen und Abstände, es wird getanzt, gesungen und gelacht, dazu sind die Lüftungsmöglichkeiten oftmals eingeschränkt.

Drei Events binnen einer Woche in „Club X“ - laut Focus soll es sich um den Tanzklub „Trompete“ am Lützowplatz im Berliner Ortsteil Tiergarten handeln - wurden genauer unter die Lupe genommen. Event 1 fand am 29. Februar mit rund 300 Gästen statt, bei Event 2 feierten am 2. März etwa 150 Personen, Event 3 am 5. März verzeichnete rund 200 Club-Besucher. Alle Veranstaltungen stiegen also in einer frühen Phase der Pandemie. Insgesamt ließen sich 74 Corona-Fälle in Deutschland auf die Location zurückführen. Besonders betroffen seien die Mitarbeiter gewesen, von denen es 56 Prozent erwischt habe. Was wenig verwundert, haben Tresenkräfte oder Bedienungen ja an solchen Abenden mit besonders vielen Personen Kontakt.

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Corona-Studie zu Nachtclubs: 64 Fälle mit Corona-Symptomen wurden untersucht

Die Studie untersuchte 64 symptomatische Corona-Fälle. Event-Besucher und die an allen drei Tagen anwesenden Mitarbeiter seien als Fälle erster Generation behandelt worden, deren Kontakte wurden zu Fällen der zweiten Generation. Die Forscher sprachen nach eigenen Angaben mit 44 Fällen jener ersten Generation, da deren Kontakte zur Hand waren, sowie allen 16 Mitarbeitern, die bei allen drei Events im Einsatz waren. Die Angestellten, die nicht getestet worden oder deren Ergebnisse trotz Symptomen negativ ausgefallen waren, wurden drei Monate nach dem Ausbruch Antikörper-Tests* unterzogen.

Das Resultat: Unter den 74 Fällen betrug das Durchschnittsalter 30 Jahre (jüngster Fall erst zwei, ältester 63), es waren jeweils 37 Frauen und Männer betroffen, unter den 41 Fällen der ersten Generation mit bekanntem Datum des Auftretens der Symptome betrug die Inkubationszeit* im Mittel vier Tage (mindestens drei und höchstens sechs). Insgesamt seien die Symptome bei Mitarbeitern häufiger aufgetreten als bei Gästen.

Corona-Studie zu Nachtclubs: Bei Event 1 war Gast mit Symptomen vor Ort

Besondere Gefahr habe beim ersten Event geherrscht. An jenem 29. Februar habe sich unter den Gästen eine später per PCR-Test überführte Person befunden, die am Tag zuvor nach eigenen Angaben bereits Symptome aufgewiesen habe. Dabei gilt zu bedenken, dass zu dieser Zeit noch nicht bekannt war, wie sich die Folgen einer Covid-19-Erkrankung ausdrücken würden. Der mutmaßliche Superspreader dürfte also nichts von der Gefahr geahnt haben, die von ihm oder ihr ausging.

Bei Event 3 am 5. März scheint ein Mitarbeiter die Ausgangsquelle gewesen zu sein. Die Person war auch bei Event 1 im Einsatz und wies am 4. März entsprechende Symptome auf, die auch damals noch nicht mit Corona in Verbindung gebracht wurden. Am 6. März dann wurde die Gesundheitsbehörde in Berlin Mitte aktiv und suchte über die sozialen Medien und lokalen Zeitungen nach den Club-Besuchern. Sie wurden als Hochrisikopersonen eingestuft und für 14 Tage in Quarantäne geschickt. Traten Symptome auf, wurden Tests durchgeführt und positive Ergebnisse gesetzeskonform an die örtliche Gesundheitsbehörde gemeldet. So beschreiben es Drosten und seine Mitstreiter.

Das bekannteste Gesicht der Studie: Christian Drosten hat sich während der Corona-Pandemie einen Namen gemacht.

Corona-Studie zu Nachtclubs: Infektionen weisen genetische Ähnlichkeit zu Fällen in Europa auf

Aber zurück zu deren Nachforschungen. Die Experten unterzogen 17 Virenproben einer genetischen Sequenzierung, um eine mögliche enge Verwandtschaft zu untersuchen. Das Ergebnis stützt die Theorie der Superspreader-Events: Diese zehn Fälle unter den Gästen von Event 1, zwei Fälle der zweiten Generation und fünf Fälle unbekannter Generation seien auf dieselbe Ausgangs-Infektion zurückzuführen. Diese sogenannte Klade - eine systematische Einheit, die den letzten gemeinsamen Vorfahren und alle seine Nachfahren enthält - wurde später auch bei einem Ausbruch in Italien und vielen weiteren Ausbrüchen in Europa nachgewiesen.

Elf dieser 17 Fälle aus dem „Club X“ waren identisch, die übrigen sechs wiesen lediglich geringfügige Unterschiede auf. Folglich deutet vieles darauf hin, dass der Ausbruch in der Location auf eine Person zurückzuführen ist. Zumindest fanden die Forscher keinen Beweis, der diese Annahme entkräften würde.

Die Studie demonstriert damit, welche Rolle Nachtclubs bei der Ausbreitung des Coronavirus spielen können. Noch ist nicht absehbar, wann diese ihre Türen wieder öffnen dürfen - mutmaßlich erst, wenn die Blumen wieder blühen. Dann aber schlagen Drosten und Co. vor, die Angestellten besonders zu schützen. Denn im Gegensatz zu den Gästen sind diese, Abend für Abend anwesend. Und damit quasi täglich der Gefahr eines Superspreader-Events ausgesetzt. (mg) *merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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