Branche im Stresstest

BMW, VW und Daimler: 2021 könnte für die deutschen Hersteller zum Schicksalsjahr werden

Die deutsche Automobil-Industrie steht wegen der verlängerten Lockdowns vor einem harten Schlussquartal. Und 2021 könnte für die Branche zum echten Stresstest werden.

  • Die deutschen Autobauer BMW*, Daimler und VW* müssen ihre Flotten auf alternative Antriebe umstellen. Das kostet Milliarden.
  • Ausgerechnet in dieser Lage muss die Branche auch noch die Folgen der Corona*-Pandemie verkraften.
  • Für die Branche könnte das nächste Jahr zu einer harten Bewährungsprobe werden.

Hannover/Berlin - Die Einschläge kommen immer näher. Nach einem kurzen Aufbäumen im September fehlt dem Autogeschäft in Europa nach wie vor der Schwung. In Deutschland dürfte der Absatz im laufenden Jahr um satte 20 Prozent unter Vorjahr liegen, erwartet der Branchenverband VDA. Der „starke Rückgang stellt Hersteller und Zulieferer vor große Herausforderungen und erfordert eine Anpassung der Kapazitäten“, warnte jetzt VDA-Chefin Hildegard Müller. Für das kommende Jahr wird die Lage nicht einfacher – im Gegenteil. Angesichts der Corona*-Krise sowie der nötigen Investitionen in Elektrifizierung und Digitalisierung steuert die Branche auf ein womöglich noch härteres Jahr 2021 zu. Ein Überblick über die Lage und die Herausforderungen.

Auto-Industrie: Tausende Jobs werden gestrichen

Wie ernst die Lage in der Branche ist, zeigt ein Blick auf die Personalentwicklung. Ende September arbeiteten noch rund 804.000 Menschen in der Branche und damit rund 30.000 weniger als im Vorjahr. Alleine bei Continental sollen 2029 weltweit 30.000 Stellen „verändert“, verlagert oder abgebaut werden.

Bei VW ist eine Verschärfung der schon laufenden Einsparungen bei der Kernmarke bisher nicht geplant. Die Strukturen werden aber radikal umgebaut, im Laufe der kommenden Jahre dürften bis zu 20.000 Jobs wegfallen. Währenddessen entsteht eine Software-Sparte mit mittelfristig mehr als 10.000 Beschäftigten. Die Tochter Audi* hatte bereits 2019 beschlossen, 9500 Jobs abzubauen. Beim Lkw-Bauer MAN tobt ein Streit über Kürzungen ähnlichen Umfangs.

Im Fall von Daimler war ein Abbau von bis zu 15.000 Jobs kolportiert worden, es gab Berichte über 30.000. Zahlen kommentiert man nicht - das Ziel seien möglichst sozialverträgliche Lösungen. BMW kappt 6000 Stellen und verzichtet ebenso auf betriebsbedingte Kündigungen, im zweiten Quartal 2020 schrieben die Bayern erstmals seit elf Jahren rote Zahlen. Opel baute seit der Übernahme durch den französischen PSA-Konzern massiv Arbeitsplätze mit Abfindungsprogrammen ab.

S-Klasse-Produktion bei Mercedes-Benz: Die deutschen Hersteller stehen angesichts der Entwicklung alternativer Antriebe und der Corona-Pandemie vor den größten Herausforderungen seit Jahren.

Autobauer: Milliardenhilfen gegen die Krise

Um die Lage zu stabilisieren und den Wandel zu alternativen Antrieben zu beschleunigen hat die Bundesregierung eilt der Bund der Branche zu Hilfe. Beim jüngsten Autogipfel Mitte November kündigte der Bund an, die Prämien für den Kauf von Elektro- und Hybridwagen bis Ende 2025 zu verlängern. Das hilft den Schwergewichten wie BMW, Daimler oder VW. Aber auch die kleineren Zulieferer brauchen Unterstützung. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) plant Programm , das ab Januar den Übergang von Verbrennertechnik zu alternativen Antrieben sowie die Nutzung von Daten im Auto beschleunigen soll. Dafür sollen bis einschließlich 2024 mindestens zwei Milliarden Euro fließen. Ein Zukunftsfonds, in den der Bund eine weitere Milliarde Euro einzahlen will, ist in Vorbereitung. Dieser soll den Wandel in Regionen mit besonders vielen Unternehmen des Wirtschaftszweigs („Auto-Cluster“) abfedern.

E-Autos: Ausbau der Ladenetz bleibt Hemmschuh

Auf dem Weg in die schöne neue Autowelt bleibt der Ausbau des Ladenetzes allerdings ein großer Hemmschuh. Derzeit gibt es rund 30.000 öffentliche Ladepunkte. Der VDA dringt auf mehr.  Um das Ziel von einer Million öffentlicher Ladepunkte bis 2030 zu erreichen, seien künftig rund 2000 neue öffentliche Ladepunkte pro Woche nötig, erklärte VDA-Chefin Müller am Donnerstag (3. Dezember). Aktuell würden wöchentlich aber gerade „200 neue Ladepunkte im öffentlichen Bereich installiert.“

Autobauer: Hersteller investieren in neue Modelle und Produktion

Lange wurde den deutschen Autobauern vorgeworfen, sie hätten viel zu spät umgesteuert. Inzwischen arbeiten die Hersteller aber mit Hochdruck an Fahrzeugen mit alternativen Antrieben. 

  • BMW will ab November 2021 den Luxus-SUV iX verkaufen. Nach dem i3, der als Pionier im Kleinwagensegment galt, wird das Auto neben dem iX3 der dritte vollelektrische BMW-Chef Oliver Zipse sieht „eine neue Ära“. Daneben gibt es bei fast allen Herstellern neue Hybride. Der US-Rivale Tesla prescht derweil mit weiteren, mittlerweile auch preiswerteren E-Modellen vor und baut eine Gigafactory* bei Berlin.
  • Daimler meldete im dritten Quartal 2020 rund 45.000 verkaufte Elektro- und Hybridwagen. Die Stuttgarter kündigten an, mittelfristig „die führende Position“ bei E-Antrieben und Fahrzeug-Software anzustreben. Bisher sind die meisten Modelle im höheren Preissegment angesiedelt.
  • VW greift mit dem ID.3 in der Kompaktklasse an, wo bisher Südkoreaner und Franzosen tonangebend waren und will 2023 auch noch Stromer im Polo-Format* an den Start schicken. Der Ausbau der Reihe reiner E-Autos um den ID.4, ID.5 und weitere Modelle auch bei Konzerntöchtern soll das elektrische Fahren schrittweise massentauglich machen. Bis 2025 pumpt die Gruppe 73 Milliarden Euro in E-Mobilität und Digitales. Bis 2030 sollen mindestens 70 E- und 60 Hybridmodelle auf dem Markt sein. (dpa/utz) *Merkur.de ist Teil des Ippen Digital Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Silas Stein/dpa

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