Sparkassen, Volksbanken, Commerzbank und Co.

Strafzinsen: Immer mehr Banken kassieren ab – Was Verbraucherschützer raten

Immer mehr deutsche Banken kassieren Strafzinsen von ihren Kunden und verweisen auf die EZB. Verbraucherschützer halten die Begründung für fadenscheinig.

  • Die Banken in der Euro-Zone müssen seit dem Sommer 2014 für das überschüssige Kapital ihrer Kunden Strafzinsen an die EZB zahlen, wenn sie die Gelder nicht für ihr eigenes Geschäft nutzen, etwa zur Kredit-Vergabe.
  • Diese Belastungen geben immer mehr deutsche Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken und die private Konkurrenz an ihre Kunden weiter.
  • Verbraucherschützer halten das Vorgehen für „nicht zulässig“ und werfen den Kreditinstituten vor, ihre Kunden gleich doppelt abzukassieren.
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München – Der zweiseitige Vertrag der Sparkasse Dillingen-Nördlingen kommt ganz unverfänglich daher. „Es wird vereinbart“, heißt es im branchen-üblichen Juristen-Deutsch, „dass bis zu einem Guthaben von 0,00 Euro für die Summe aller Guthaben (Gesamtguthaben) kein Verwahrentgelt berechnet wird (Gesamtfreibetrag).“

Wer den Bedingungen zustimmt und auch noch mehr als null Euro auf seinem Girokonto oder dem Sparbuch hat, muss damit künftig zahlen - für sein eigenes Geld. Immerhin 0,5 Prozent wollen die Banker aus Bayrisch-Schwaben dafür berechnen, dass sie das Geld ihrer Kunden bunkern.

Strafzinsen: Immer mehr Banken kassieren ab

Die Sparkasse Dillingen-Nördlingen ist längst kein Einzelfall. Bundesweit bitten immer mehr Banken ihre Kunden für Guthaben auf Girokonten, Tagesgeld, Festgeld oder Sparbuch zur Kasse. Nach einer aktuellen Übersicht des Vergleichsportals Verivox rufen inzwischen bundesweit 314 Banken die sogenannten Verwahrentgelte auf, wie Banken ihre Strafzinsen gerne schönfärberisch nennen. Das sind gut 130 mehr als noch zu Jahresanfang.

Und ein Ende der Strafzins-Welle ist kaum in Sicht. „Aktuell“, sagt etwa Verivox-Geschäftsführer Oliver Maier, „kommen nahezu täglich weitere Banken hinzu.“ Verbraucherschützer sehen das ähnlich. „Das Thema Strafzinsen dürfte in den nächsten Monaten weiter Fahrt aufnehmen“, warnt Sascha Straub, Referatsleiter Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Bayern (VZBayern). Dies gelte nicht nur für die Anzahl der Banken mit Strafzins, sondern auch für den entsprechenden Freibetrag.

Strafzinsen: Immer mehr Banken, immer geringere Freibeträge

Denn statt wie anfangs üblich, vor allem größere Guthaben von 300.000 oder 500.000 Euro mit den neuen Gebühren zu belasten, sinkt die Messlatte bei vielen Kreditinstituten inzwischen rapide ab. Statt der zwischenzeitlich verbreiteten Freibetragsgrenze bis 100.000 Euro halten mittlerweile immer mehr Banken auch bei Guthaben von 50.000 Euro oder noch weniger die Hand auf.

Manche Institute wie die Sparkasse Dillingen-Nördlingen, die Sparkasse Ingolstadt oder die VR-Bank Neuburg-Rain haben inzwischen jede Zurückhaltung fahren lassen und greifen beherzt ab dem ersten Euro zu – oder drehen an der Zinsschraube.

Die Sparkasse Bamberg etwa berechnet ab einem Guthaben von 25.000 Euro 0,6 Prozent Strafzins, die VR-Bank Erlangen-Höchstadt-Herzogenaurach nimmt die 0,6 Prozent schon ab 20.000 Euro (siehe Tabelle). Den Vogel schießt aber die PSD Bank Rhein-Ruhr ab. Die Genossen aus Düsseldorf lassen ihre Kunden ab einem – vergleichsweise hohen - Guthaben von 500.000 Euro mit einem Strafzins von einem Prozent zur Ader.

Strafzinsen: Banken verweisen auf EZB-Politik

Bei den Geldhäusern ist man sich keiner Schuld bewusst. Angesichts der EZB-Vorgaben bleibe kaum eine andere Wahl, heißt es aus der Branche achselzuckend. Nach dem Willen der Währungshüter müssen Banken die Gelder ihrer Kunden bei der EZB parken, wenn sie das Kapital nicht für ihr Geschäft nutzen - und dafür bezahlen. Der entsprechende Zinssatz - im EZB-Sprech Einlagefazilität genannt - liegt aktuell bei 0,5 Prozent. Diese Belastung reichen viele Kreditinstitute inzwischen kurzerhand an ihre Kunden weiter.

Strafzinsen: Deutsche Banken überweisen rund 2,7 Milliarden Euro an die EZB

Branchen-Beobachter halten den Banken durchaus zugute, dass sich ihre Ausgangslage zuletzt zugespitzt hat. Weil viele Menschen während der Corona*-Krise deutlich weniger ausgegeben haben, sind die Bank-Guthaben steil gestiegen. Nach Berechnungen des Finanzspezialisten Deposit Solutions kletterten die Spareinlagen in der Euro-Zone im vergangenen Jahr um gut die Hälfte auf 585 Milliarden Euro. Angesichts dieser Entwicklung mussten alleine die deutschen Kreditinstitute im vergangenen Jahr gut 2,7 Milliarden an die EZB überweisen, schätzt Deposit.

Doch Verbraucherschützer wollen die Argumentation der Kreditinstitute so nicht gelten lassen. Immerhin hätten erste Banken bereits 2014 ihre Gebühren etwa für Girokonten erhöht und diesen Schritt mit der EZB-Regelung zur Einlagefazilität begründet. „Jetzt wollen die Banken auch noch Strafzinsen für Guthaben und kassieren mit derselben Begründung ein zweites Mal ab“, bemängelt VBZB-Mann Sascha Straub.

Strafzinsen: „Rechtlich nicht zulässig“

Dazu kommen ganz grundsätzliche Überlegungen. Denn aus rechtlicher Sicht seien die sogenannten Verwahrentgelte „nicht zulässig“, urteilt Straub. Dazu liefen es bereits entsprechende Gerichtsverfahren.

Im Kern läuft die Begründung zu den Klagen auf zwei Überlegungen hinaus: Bei Sichteinlagen – also Giro- und Tagesgeldkonten - sei das Verwahren von Guthaben ja gerade nicht der Geschäftszweck, sondern deren schnelle Verfügbarkeit, erläutert Straub. Und bei Spareinlagen – also Festgeld und Sparbüchern – stehe der Vermögensaufbau im Mittelpunkt. Auf entsprechende Guthaben „Verwahrentgelte“ zu erheben, stehe dazu in einem diametralen Gegensatz. „Damit liegt hier ein klarer Wegfall der Geschäftsgrundlage vor“, sagt Straub.

Was Kunden tun können, um Strafzinsen zu vermeiden, was Verbraucherschützer raten

1.     Vertrag

Eine Bank kann wesentliche Änderungen der Geschäftsbedingungen nicht ohne die Zustimmung und Einwilligung ihrer Kunden vornehmen. Das gilt insbesondere auch für die Erhebung möglicher „Verwahrentgelte“ auf Einlagen, erklärt Sascha Straub von der Verbraucherzentrale Bayern (VZ Bayern). Wenn Kunden von ihrer Bank ein entsprechendes Anschreiben erhalten, sollten sie es daher genau prüfen und gegebenenfalls einen Anwalt oder einen anderen Experten zu Rate ziehen, rät Straub.

2.     Kündigungsdrohung

Um ihre Kunden zum Einlenken zu bewegen, drohen Banken und Sparkassen bei der geplanten Einführung von Verwahrentgelten häufig mit Kündigung. „Suchen Sie im Zweifelsfall das Gespräch mit Ihrem Bankberater“, rät Straub. Es könne durchaus sein, dass die Banken die Konditionen aufbessern oder sogar ganz von einer Kündigung absähen, wenn Kunden ihre Geschäftsbeziehung vollständig zu einem Wettbewerber verlagern wollen.

Wichtig: Bankkunden sollten sich parallel unbedingt auch auf einen möglichen Abbruch der Geschäftsbeziehung vorbereiten und über eine mögliche Alternative verfügen empfiehlt Straub.

3.     Freibetrag

Auch, wenn Kunden bei Ihrer Bank bleiben möchten, etwa weil es auf dem Land keine wettbewerbsfähige Alternative gibt, sollten Kunden ein paar grundlegende Dinge beherzigen.

Das gilt vor allem für die Freigrenze, bis zu der ihr Guthaben bei einer Bank unangetastet bleibt. In den allermeisten Fällen sollten Freigrenzen von 500.000 Euro genügen, wobei die Einlagensicherung nur bis 100.000 Euro pro Person greift. Bei geringeren Freigrenzen sollten Kunden genau rechnen. Häufig kann es etwa bereits genügen, einen Teil des Guthabens auf ein weiteres Konto bei seiner Hausbank umzubuchen, etwa auf die Konto-Verbindung der Ehefrau oder des Lebensgefährten. Auch die Eröffnung einer weiteren Konto-Verbindung bei einer anderen Bank kann dabei helfen, unterhalb der Freigrenze zu bleiben – vorausgesetzt, die Freigrenzen und Kontokosten bei der neuen Bank können ebenfalls eingehalten werden.

4.     Alternative Anlagen

Um die Freigrenze zu umgehen, bieten viele Banken ihren Kunden alternative Anlagen an, etwa in Fonds von bank-eigenen Anlage-Gesellschaften wie der Deka der Sparkassen-Gruppe, weiß Straub. Allerdings liegen die Kosten bei aktiv gemanagten Fonds, bei denen Fondsmanager die Anlage-Entscheidung treffen, in der Regel bei bis zu drei[ST1]  Prozent pro Jahr.

Wer unter die Freigrenze kommen will, um Strafzinsen zu vermeiden, und gleichzeitig für das Alter vorzusorgen, sollte stattdessen lieber zu kostengünstigen Index-Fonds (ETF) greifen, rät Straub. So streut beispielsweise ein ETF auf den Dax das Risiko über 30 Unternehmen und mehrere Branchen wie Auto, Chemie, Technologie oder Versicherer - kostet aber nur 0,1 bis 0,2 Prozent Gebühr pro Jahr.

Strafzinsen: Banken kassieren für EZB-Vorgabe doppelt

Auch den Verweis der Banken auf ihre eigenen Kosten bei der EZB hält Straub für nicht stichhaltig. Denn ähnlich wie viele Privat-Kunden bei ihrer Bank, haben auch die Geschäftsbanken bei der EZB einen zuletzt deutlich erhöhten Freibetrag. Dies führe im Effekt dazu, dass die tatsächliche Zinsbelastung von Banken durch die EZB „nach Schätzung von Experten eher zwischen 0,2 und 0,3  Prozent liegt“, sagt Straub. Die Zinsdifferenz zwischen den Erträgen aus dem Strafzins ihrer Kunden und der Zinsbelastung durch die EZB „stecken sich die Banken ein“. *Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © imageBROKER/Michael Weber via www.imago-images.de

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